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Generation Numerus clausus

Stefan Werding

Münsterland - Sharel (8) braucht für einen Platz auf der Gesamtschule in Saerbeck einen Schnitt von 1,8; Lucas (16) für seine „Quali“, mit der er aufs Gymnasiums wechseln könnte, einen Schnitt von 3,0; Barbara Elpers (18) für einen Studienplatz in Kommunikationswissenschaften einen Schnitt von 1,3; und Thorsten Kornblum (28) für einen Job im öffentlichen Dienst mindestens ein voll befriedigend. Die Zeiten sind vorbei, in denen man einen NC nur für ein Medizinstudium brauchte. Der NC beherrscht mittlerweile eine ganze Generation.

Sharel Lamski bringt das Wort „Gymnasialempfehlung“ nur schwer über die Lippen. Aber das aufweckte Mädchen aus der 3d der St. Georg Grundschule in Saerbeck weiß, dass damit der Weg frei ist fürs Abitur. Schon jetzt sagt sie: „Das will ich machen.“ Ihre Mutter Simone Lamski weiß, dass sie das Potenzial hat. „Den Stress macht sie sich selbst.“

Sie stört, dass ihr Kind nur noch von Arbeit zu Arbeit lernt, weil ihm eingebläut wird: „Das musst du bis zur Arbeit können.“ Aber wenn Sharel am Schreibtisch sitzt, um noch Zusatzaufgaben zu lösen, schreitet ihre Mutter ein. Sie möchte die Freizeit ihrer Tochter nicht für irgendwelche Fleißsternchen opfern. Lucas Westkamp aus der 10 d der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten möchte Maschinenbauingenieur werden. Dazu würde er „schon gerne die Quali haben“, sagt er.

Das heißt: ein Schnitt von 3,0. „Das könnte knapp werden“, sagt er. Vor zwei, drei Jahren hat er mit den englischen Vokabeln geschlunzt, jetzt nimmt er einmal die Woche Nachhilfe, denn: Die nächste Arbeit muss eine 4 werden. Und die Abschlussprüfung in Englisch auch“. Lucas sagt es so: „Wenn ich meine Quali nicht habe, ist das nicht so schön.“

Professor Klaus Hurrelmann unterscheidet zwischen nachvollziehbarem und willkürlichem Druck. Verstünden Jugendliche den Sinn des Drucks, dann könnten sie damit gut leben. Unproduktiv werde der Druck, wenn er beim Nachwuchs den Eindruck erweckt, willkürlich zu sein oder abschrecken zu sollen. Dann werde die Messlatte als Schikane und Bedrängnis empfunden. Das könne zu Aggressionen, psychosomatischen Belastungen, Konsum von Zigaretten, Alkohol oder Drogen führen.

Barbara Elpers hadert mit sich: Kommunikationswissenschaften oder Politikwissenschaften? Egal, was die Abiturientin aus Steinfurt-Borghorst studiert, für beides braucht sie auf jeden Fall einen Abischnitt mit einer 1 vor dem Komma. Darum gibt sie seit der 12 das Maximum. Ihre Abiturklausuren hat sie gerade geschrieben, nur die mündliche steht am 26. Mai noch an. Obwohl sie nach dem ersten Halbjahr der 10. Klasse direkt in die 11.2 gewechselt ist, sagt sie: „Klar gibt es Druck in der Schule. Aber den habe ich mir selber gemacht, um meine Ziele zu erreichen.“ Druck von ihren Eltern oder Lehrern habe sie nie verspürt.

Trotzdem warnt die Katholische Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz in NRW: Die Stoffkomprimierung in den Gymnasien sorgt dafür, dass Kinder weniger Mußezeiten, weniger Freizeit und weniger Raum für persönliche Entwicklungen behalten.

Thorsten Kornblum ist Jura-Referendar. Er würde gerne im öffentlichen Dienst arbeiten und braucht dafür mindestens ein „voll befriedigend“. Der 28-Jährige hat 2002 mit seinem Studium begonnen, 2006 sein erstes Staatsexamen gemacht, dann angefangen zu promovieren. Ergebnis: magna cum laude. Zwischendurch hat er noch Steuerwissenschaften studiert. „Man muss sich für die Arbeitswelt interessant machen.Schließlich gibt es total viele von uns“, sagt der SPD-Ratsherr aus Münster. Schon in der Schule sei ihm deutlich gemacht worden, dass er Leistung bringen muss. „Was schade ist“, findet Kornblum, „schließlich sind es doch Brüche in einem Lebenslauf, die Personen erst interessant machen.“

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