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1983

„Geschichte neu geschrieben“ - Der größte Scoop aller Zeiten

Carsten Vogel

Hamburg - „Kotze­schtonk“. Das ist das erste Wort, das Schauspieler Rolf Hoppe als Nazi-Fabrikant Karl Lentz aus dem vermeintlichen Tagebuch Adolf Hitlers herausliest. Tatsächlich entpuppt sich das Wort als „Gott sei Dank“: Die Sütterlinschrift ist schwer zu entziffern. In Helmut Dietls Film „Schtonk!“, der 1992 in die Kinos kommt, weht beim Öffnen des Tagebuchs „ein Eishauch der Geschichte“.

Satire darf das. Und Satire ist immer dann am besten, wenn sie der Realität gar nicht viel hinzufügen muss. Dietls Persiflage auf die Entdeckung der Hitler-Tagebücher hat die tatsächlichen Vorgänge nur wenig ausschmücken müssen.

Neben der Spiegel-Affäre und dem Gladbecker Geiseldrama ist die Veröffentlichung der gefälschten Hitler-Tagebücher einer der größten Medienskandale in der Geschichte der Bundesrepublik. Im Mittelpunkt stehen Stern-Reporter Gerd Heidemann und Fälscher Konrad Kujau. Heidemann sammelt NS-Devotionalien, um sie gewinnbringend zu verkaufen. Dabei lernt er über einen Industriellen den Kunstmaler Kujau kennen, der behauptet, im Besitz von Hitlers Tagebüchern zu sein. Die Posse nimmt ihren Lauf: Dem Plagiator gelingt es, der Presse 62 Bände für 9,3 Millionen Mark zu verkaufen: Die „Stern“-Stunde schlägt am 25. April 1983. Die damalige Chefredaktion präsentiert in Hamburg auf einer internationalen Pressekonferenz Heidemanns „Sensationsfund“. Drei Tage später erscheinen 22 Seiten in Heft Nummer 18 mit Auszügen der Kujau-Kopien. Vollmundig tönt das Blatt: „Die Geschichte des Dritten Reiches wird in großen Teilen neu geschrieben werden müssen“.

Das wurde sie auch. Kurz zuvor. Von Konrad Kujau. Und niemand hat es für nötig gehalten, genauer nachzuforschen. Selbst Experten bestätigten zunächst die Echtheit der Tagebücher, weil ihnen Vergleichsproben von Kujau selbst untergeschoben wurden. Am 6. Mai belegen Bundeskriminalamt und Bundesarchiv die Blamage: Neben historischen Handschriften-Fehlern zeigt sich, dass die Polyester-Fäden und das Papier erst in den 50ern entstanden sind.

Dabei wäre es sehr einfach gewesen, dem Fälscher auf die Fährte zu kommen. Tatsächlich stehen anstatt der Anfangsbuchstaben Adolf Hitlers die Initialen „FH“ als Fraktur auf dem Einband der Tagebücher. In „Schtonk!“ löst sich diese Anekdote zum Schluss: „Falscher Hase“, sagt Schauspieler Karl Schönbeck als Kunstprofessor: „Eine Fälschung. Haben Sie das nicht gewusst?“

Betrüger Kujau und der Betrogene Heidemann werden beide zu über vier Jahren Gefängnis verurteilt. Für den Stern ist der Skandal verheerend. Nach dem Schwindel sinkt die Auflage zunächst drastisch. Die Chefredaktion tritt zurück. Für die Medienlandschaft sind die Hitler-Tagebücher bis heute ein mahnendes Beispiel dafür, dass Redaktionen sorgfältig recherchieren müssen, um nicht Opfer eines „echten Kujaus“ zu werden.

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