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1961

Gnadenlose Jagd auf Flüchtlinge

Berlin - Wirtschaftlich gesehen geht es der DDR seit Kriegsende nie richtig gut. Die Verstaatlichung der Industrie, ein technologisch alter Maschinenpark auch als Folge der sowjetischen Demontagepolitik, unmoderne Produkte...

Bernd Haunfelder

Berlin - Wirtschaftlich gesehen geht es der DDR seit Kriegsende nie richtig gut. Die Verstaatlichung der Industrie, ein technologisch alter Maschinenpark auch als Folge der sowjetischen Demontagepolitik, unmoderne Produkte, die keine Devisen einbrachten, und vor allem fehlendes Kapital hemmen jedes Wachstum.

Zum größten Problem im gesamten öffentlichen Leben entwickelt sich jedoch die Flucht vieler Bürger. Lange ist es einigermaßen leicht, über West-Berlin in die Freiheit zu gelangen. Der Strom der Flüchtlinge steigt seit den 1950er-Jahren jedoch kontinuierlich an, allein 1953, nach dem Volksaufstand, sind es über 300.000.

Auch im Zuge der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft 1960 schwillt der Flüchtlingsstrom noch einmal an. Weil sich hauptsächlich junge, arbeitsfähige Menschen in Richtung Westen auf den Weg machen, ist es nur eine Frage der Zeit, wann Teile der DDR-Wirtschaft zusammenbrechen. Längst erkennt die SED-Führung, dass es sich bei den Flüchtlingen nicht nur um Systemfeinde des Landes handelt, wie noch zu Beginn der 50er-Jahre behauptet.

Als im Frühjahr und Frühsommer 1961 Gerüchte kursieren, der Fluchtweg über West-Berlin werde bald abgeriegelt, nehmen dies abermals Zehntausende zum Anlass, ihrem Land den Rücken zu kehren. Die vagen Andeutungen über den Bau einer Absperrung gegenüber den drei Westsektoren Berlins verstummen nicht.

Auf einer internationalen Pressekonferenz am 15. Juni 1961 verweist Walter Ulbricht derartige Pläne aber ins Reich der Phantasie. Niemand habe die Absicht, eine Mauer zu errichten, tönt er vollmundig. Immerhin: Ihr späterer Name wird schon einmal genannt. Aber niemand nimmt ihm das ab, denn die Vorbereitungen hierfür lassen sich nicht vertuschen. Auch die Westmächte haben Kenntnis davon. Da aber in einem solchen Fall ihre Rechte für Gesamtberlin nicht angetastet werden, halten sie sich nach Bekanntwerden der Abriegelung Ostberlins merklich zurück.

Kennedy segelt am 13. August, in Paris und London ist niemand zu erreichen. Für Berlin will der Westen keinen neuen Weltkonflikt riskieren. Die Alliierten haben aber Adenauer und Brandt informiert. Den Bundeskanzler lässt die Nachricht von der Errichtung einer Mauer aber irgendwie kalt, er setzt seine Wahlkampftour in der bayerischen Provinz fort. Erst Tage später erscheint Adenauer in Berlin. Niemand versteht dessen abwartende, ja zögerliche Haltung. Er sagt später, er habe unbedachte Provokationen durch eine frühere Anwesenheit vermeiden wollen. Das klingt wenig glaubwürdig. Auch hört man keine Kritik an der Beschwichtigungspolitik des Westens.

Kaum weniger spät reagieren die Amerikaner. Kennedy entsendet seinen Stellvertreter Johnson in die geteilte Stadt. Dieser bekräftigt noch einmal unter dem Jubel der Bevölkerung die Garantien seines Landes für Berlin. Angesichts des westlichen Stillhaltens gibt die östliche Seite auch keinerlei Anlass, alliierte Rechte in Frage zu stellen. Den Ernst der Lage für Berlin erkennt am ehesten Willy Brandt, der zu Recht befürchtet, am Ende werde die Stadt neutralisiert. Im Laufe ihres 28-jährigen Bestehens wird die Mauer technisch derart verfeinert, dass eine Flucht fast unmöglich ist. Trotzdem versuchen immer wieder Berliner, von Ost nach West zu gelangen. Sie werden gnadenlos erschossen.

Der „antifaschistische Schutzwall“, dem Honecker kurz vor seinem politischen Ende eine große Zukunft voraussagt, fällt mit dem Ende der SED-Herrschaft wie ein Kartenhaus zusammen.

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