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Sommerkrimi

Goldhamster macht sich die Finger dreckig

wn

Wiesel geht vor dem Gerhard-Paul-Heim in Stellung. Wenn Balzoriwak der Luft-Ablasser ist, dann wird er bestimmt bald auftauchen. Um sich die Zeit zu vertreiben, hört er über seinen MP3-Player Radio: „Hier Benjamin Franklin Rotzber. Es ist 15.18 Uhr hier bei der Westmünsterland-Wave, dem Radio für Ausgeschlafene. 100 Prozent von hier und da und dort. Und mit dem Besten von gestern, heute und morgen. Und hier das Neuste vom Tage: Der Gronauer Anzeiger meldet einen Durchbruch bei den Ermittlungen rund um die Brandanschläge im Rockmuseum. Hinter dem ,Brennenden Dornbusch‘ steckt offenbar eine fanatische Sekte. Mehr darüber gleich hier bei der Westmünsterland-Wave.“

„Aha, da bin ich ja wieder bestens informiert“, murmelt Wiesel. Auf einmal taucht Balzoriwak auf. Den Reporter kann der SPDler nicht sehen, denn Wiesel hat sich hinter einem Baum versteckt. Von dort beobachtet er, wie sich der Genosse an das Fahrrad der Pastorin heranschleicht und das Ventil losschraubt. Zischend entweicht die Luft – während Wiesel eine Aufnahme nach der anderen schießt. Dann tritt er hinter dem Baum hervor: „Na, Balzoriwak? Ein bisschen Racheengel spielen? Ich glaube, das gibt eine schöne Bildergalerie im morgigen Anzeiger.“ Balzoriwak steht starr vor Schreck. Dann macht er auf der Stelle kehrt und düst ab. „Der wird nie wieder so einen Blödsinn verzapfen.“ Wiesel schaut sich die Fotos auf dem Display an. Und entdeckt auf einem der Schnappschüsse Dr. Markus Püning, den Beigeordneten der Stadt, der auf seinem Fahrrad über die Gildehauser Straße saust. Als Wiesel vom Display aufblickt, kann er Püning schon nicht mehr sehen.

Die beiden Kommissare haben noch für denselben Nachmittag eine Vorladung gegen den Stadtwerke-Chef erwirkt. Goldhamster erscheint mit Weinschenk auf der Wache. „Ich muss Sie auf Ihre Rechte hinweisen“, beginnt Frühling, doch Weinschenk winkt ab: „Wir sind hier nicht beim Fernsehen. Außerdem bin ich ja dabei, und ich kenne seine Rechte.“

„Gut. Also, Herr Goldhamster, wo waren Sie am Donnerstagabend?“ – „Ich habe gearbeitet. In meinem Büro. Und bevor Sie fragen: Nein, es gibt keine Zeugen. Ich war allein. Und bevor sie nochmal fragen: Nein, ich habe Weiße nicht umgebracht. Auch wenn ich manchmal schon Lust dazu gehabt hätte.“

„Das sieht nicht gut für Sie aus, Herr Goldhamster. Was haben Sie denn von dem Apparat gewusst, den Weiße gebaut hat?“ – „Meinen Sie diesen angeblichen Motor? Das Ding ist doch lächerlich. Ich habe meinen Mitarbeiter Peter Ruckzuck mal hingeschickt. Der sollte sich das Ding ansehen. Aber der Apparat ist doch der totale Nepp. Sieht so aus, als ob er durch die Wärme von ‘ner Tasse Kaffee läuft. Dabei funktioniert der nur mit Batterie. Eine kleine Knopfzelle, fast nicht zu sehen. Ich glaube, Weiße wollte einfach ein paar Leute auf den Arm nehmen. Aber nicht mit mir. Ich kenne den Kerl. Ich meine, ich kannte ihn“, verbessert er sich.

Frühling und Blösing schauen sich an. Das wirft natürlich wieder ein neues Licht auf die Sache. Wenn es denn stimmt. Wollte sich jemand an Weiße rächen, weil er ihn vergackeiern wollte?

Frühling konzentriert sich aber erst einmal wieder auf Goldhamster. „Haben Sie was dagegen, wenn wir Ihre Fingerabdrücke nehmen? Auf der Mordwaffe sind nämlich welche gefunden worden.“ – „Ja, Ihre, wir wissen’s“, kontert Weinschenk hämisch. „Es sind auch noch andere darauf“, erwidert Frühling. „Die konnten aber noch keiner Person zugeordnet werden. Wenn Sie kein schlechtes Gewissen haben, Herr Goldhamster, könnten Sie uns den kleinen Gefallen doch tun und sich mal die Finger dreckig machen, oder?“ Goldhamster blickt fragend zu Weinschenk. Der zuckt mit den Schultern. „Also gut, ich stimme zu.“

Währenddessen lässt sich Stefan Strauch von seiner Gattin trösten. „Du findest bestimmt einen neuen Job“, sagt sie. „Warte nur ab.“ Sie schiebt ihm eine leckere Rostbratwurst in den Mund. Essen heitert den sensiblen Gatten meistens auf. „Aber“, wendet Strauch kauend ein, „ich bin doch jetzt völlig unglaubwürdig. Die Kommissare wollten mir nicht mal mehr zuhören, als ich ihnen das von Stefan Plötzer erzählen wollte. Dabei hat der Informationen, die ganz bestimmt wichtig sind im Mordfall Weiße.“ Eine tiefe Depression befällt Strauch. „Ach, wenn ich doch jemanden hätte, der mir glaubt. Dann wäre der Fall bestimmt bald geklärt und ich könnte mich wieder blicken lassen.“ Er zieht sich eine Decke über den Kopf und fängt an, bitterlich zu weinen . . .

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