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„Gomorrha“: Dschungel mit wandernden Waffen

Hans Gerhold

Knallhart, authentisch und realistisch wie hautnahe Kriegsberichterstattung aus Krisengebieten, ist „Gomorrha“, Verfilmung des Bestsellers von Roberto Saviano, ein echter Kracher. Saviano analysiert in seinem unbedingt lesenswerten Buch die Mechanismen und Organisationsformen der neapolitanischen Camorra und zeigt in einer virtuosen Mischung aus Fakten, Fiktion und mit erschreckenden Zahlen – 10 000 Todesopfer in 30 Jahren gehen auf das Konto der Mafia – die Macht des organisierten Verbrechens, Stoff für 50 Filme.

Der Film von Matteo Garrone, ein furioses Meisterstück, das in Cannes 2008 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, hat sich aus den Geschichten des Buches fünf ausgesucht, die parallel laufen. Alle kreisen um das Leben in der Satellitenstadt Scampia, Hort der Kriminalität, die einen Teufelskreis schafft, aus dem nur wenige entkommen. Hier, wo Menschen auf engstem Raum in einem auch architektonischen Albtraum leben, herrscht das Gesetz des Dschungels und schafft eine Wirklichkeit zum Fürchten.

Garrone beginnt mit einem Massaker in einem Solarium, das einen Bandenkrieg auslöst und folgt den darin verwickelten Personen, von den als Drogenkuriere tätigen Teenagern bis zu den Vollstreckern. Der dreizehnjährige Toto erledigt für alleinstehende Frauen Einkäufe und muss für einen tödlichen Gefallen herhalten. Zwei junge Männer, Marco und Ciro, halten sich für Tony Montana (Al Pacino) aus „Scarface“, träumen von der Gangsterkarriere, schießen wie wandernde Waffen herum – und stören die Geschäfte.

Buchhalter Don Ciro, der an die Familien inhaftierter oder getöteter Camorra-Mitglieder Gelder auszahlt, traut sich nur mit kugelsicherer Weste nach Scampia, wo der begnadete Schneider Pasquale illegale chinesische Einwanderinnen seine Kreationen nähen lässt und mit dem heimlichen Zubrot sein Todesurteil unterschreibt. Immobilienhai Franco entsorgt mit Sohn Roberto Giftmüll und lässt Kinder die giftige Fracht auf Lastwagen transportieren. „Gomorrha“ ist faszinierend und erschreckend, weil es hier nichts mehr von der Romantisierung der „Paten“-Filme gibt, nur Skrupellosigkeit, Angst, Töten und Gnadenlosigkeit – ein Augias-Stall, den auszumisten vergeblich scheint.

Das schockiert, aber so, wie der Film die Macht der Mafia geißelt, zeigt er, wie sie die Gesellschaft unterhöhlt und menschliche Bindungen zerstört. Ein echter Hammer von Film, der aufrüttelt und einer der fünf besten Filme des Jahres.

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