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Gordon Brown soll ein schlimmer Dienstherr sein

London - Die Gerüchteküche wusste schon seit langem von Gordon Browns cholerischen Anfällen. Wenn den britischen Premierminister die Wut packte, soll die Büroeinrichtung gelitten haben. Da wären Mobiltelefone durch die Luft geworfen, Schränke getreten und Faxgeräte demoliert worden. Jetzt enthüllt ein Buch des renommierten Journalisten Andrew Rawnsley, dass Browns Zorn auch vor...

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London - Die Gerüchteküche wusste schon seit langem von Gordon Browns cholerischen Anfällen. Wenn den britischen Premierminister die Wut packte, soll die Büroeinrichtung gelitten haben. Da wären Mobiltelefone durch die Luft geworfen, Schränke getreten und Faxgeräte demoliert worden. Jetzt enthüllt ein Buch des renommierten Journalisten Andrew Rawnsley, dass Browns Zorn auch vor Untergebenen nicht halt machte. "The End of the Party" berichtet von Psychoterror in der Downing Street, von einem zerrütteten Arbeitsklima, wo der Boss geflucht und die Beamten schikaniert und angebrüllt habe. Gordon Brown soll Sekretärinnen aus dem Stuhl geschubst, seinen Berater am Jackettkragen gerissen und Mitarbeiter aus dem Weg gestoßen haben. Die Verängstigung unterm Personal wäre so groß gewesen sein, behauptet Rawnsley, dass Sir Gus O'Donnell, der als Kabinettssekretär der höchste Regierunsgbeamte ist, sich genötigt sah, dem Premierminister zu bedeuten, sein Temperament zu zügeln.

Das Buch, das am Wochenende von der Zeitung "Observer" in einem Vorabdruck veröffentlicht wurde, schlug hohe Wellen. Das Büro des Premierministers dementierte umgehend. Die Beschuldigungen seien "böswillig" und "ohne Grundlage". Brown selbst versicherte in einem Fernsehinterview, er habe "nie und nimmer jemanden geschlagen". Kabinettssekretär Gus O'Donnell ließ erklären, dass er dem Premier keine verbale Warnung wegen dessen Verhalten erteilt habe. Aber dann meldete sich am Sonntagabend Christine Pratt zu Wort. Sie ist die Direktorin von "National Bullying Helpline", einer Wohlfahrtsorganisation, die schikanierten Arbeitnehmern hilft. Pratt sagte, dass sie von drei oder vier Fällen wisse, wo Personal in der Downing Street über Mobbing geklagt habe. "Ich habe persönlich mit einem Mitarbeiter des Premierministers gesprochen", sagte Pratt, "der von einer Kultur des Mobbing berichtete".

Jetzt steht der Premier als Mobber da. Das Massenblatt "Sun" verpasste Gordon Brown am Montag auf der Titelseite einen neuen Titel: "Prime Monster". Die konservative Presse prangert den Premier als Schwächling an, der sein eigenes Versagen die Mitarbeiter fühlen lässt. Linke Kommentatoren weisen darauf hin, dass Christine Pratt enge Verbindungen zur Konservativen Partei hat. Eine Geschichte, von der Downing Street hoffte, dass sie bald vergessen sei, wächst sich mehr und mehr zu einem Skandal aus.

Das ist für Gordon Brown und Labour umso peinlicher, weil spätestens im Frühsommer Parlamentswahlen anstehen und der geheime Wahlkampf schon begonnen hat. Und der wird diesmal mehr als sonst durch die Persönlichkeiten der Parteichefs geprägt werden. Gordon Brown selbst unterstrich dies vor einer Woche, als er sich in einem Fernsehinterview erstmals zu ganz privaten Themen befragen ließ: wie es war, als er seinen Heiratsantrag stellte, wie er mit dem Tod seiner Tochter umging, wieviele Halbe Bier er als Student stemmen konnte.

Das Interview, das ihn von seiner unbekannten, seiner menschlichen Seite zeigen sollte, hatte den gewünschten Effekt: In der letzten Meinungsumfrage verkürzte Labour den Rückstand auf die Konservativen von zehn auf sechs Prozentpunkte. Aber mit den neuesten Enthüllungen werden die Briten wieder an die andere Seite seines Charakters erinnert: Brown als der mürrische, herrische und womöglich schikanöse Dienstherr. Man darf sich auf einen erneuten Umschwung in den Umfragen einstellen.

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