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Gronau: Fünfjähriger nach ärztlichem Kunstfehler lebenslanger Pflegefall

Klaus Wiedau

Gronau - Der 21. August 2003 hat das Leben der Eheleute A. (Name der Redaktion bekannt) verändert. Bis heute. Dabei sollte es eigentlich ein besonderer Freudentag im Leben der jungen Familie werden: der Geburtstag ihres Sohnes T. Tatsächlich erblickte T. an jenem Donnerstag um 21.57 Uhr im St.-Antonius-Hospital das Licht der Welt. Aber als schwerstbehindertes Kind. T. war und ist nicht in der Lage, das Trinken aus einem Becher mundmotorisch zu bewerkstelligen. Ein Saugreflex hat nie bestanden. Er kann ohne Hilfe keine Nahrung aufnehmen, wird gefüttert und erhält teilweise Nahrung über eine Sonde. T. kann sich nicht selbst fortbewegen oder Körperpflege betreiben. Kommunikation ist nur über Mimik möglich.

Ursache für die massive Behinderung ist ein ärztlicher Kunstfehler, den inzwischen auch ein Urteil des Landgerichts Münster - vor allem gestützt auf die Gutachten von zwei Sachverständigen - bestätigt. Als grob fehlerhaft sehen es die Gutachter an, dass der Mutter ein Tropf mit einem wehenfördernden statt einem wehenhemmenden Mittel angelegt wurde. Durch das Anlegen dieses Tropfes sei es beim Kind zu einem anhaltenden Sauerstoffmangel gekommen, der die schwere Hirnschädigung zur Folge hatte.

Fast sechs Jahre hat das Verfahren gedauert, das Urteil wurde am 22. Januar 2009 verkündet, das Krankenhaus zur Zahlung eines Schmerzensgeldes in Höhe von 250 000 Euro und zur Übernahme weiterer Verpflichtungen gegenüber T. verurteilt.

Doch damit ist der „Fall“ noch nicht beendet. Inzwischen streiten sich die Eltern von T. und ihr Anwalt Horst Bächler mit der Versicherung des Krankenhauses (Zurich-Versicherung) über den bisher entstandenen sogenannten Pflegebedarfsschaden und die künftig monatlich zu zahlende sogenannte Pflegemehrbedarfsschadensrente.

„Welchen Wert hat ein Menschenleben?“, fragt sich die Mutter des inzwischen fast Sechsjährigen angesichts des neuen Rechtsstreits, der sich nach der juristischen Auseinandersetzung um das Schmerzensgeld jetzt um den Pflegeaufwand abzeichnet. Gemeinsam mit ihrem Mann und den beiden Geschwistern von T. - zwei Mädchen im Alter von sieben und acht Jahren - kümmert sie sich um ihr behindertes Kind. Ein fröhliches Kind trotz allem, aber auch eines, das lebenslang der Fürsorge und Pflege der Eltern bedarf.

Rund 120 000 Euro fordert Rechtsanwalt Horst Bächler für seine Mandanten als Nachzahlung für den seit der Geburt entstandenen Pflegeaufwand. Zusätzlich ab Juni 2009 eine monatliche Rente in Höhe von 2280 Euro und die Begleichung der bisher entstandenen Fahrtkosten (seit dem Jahre 2004) in Höhe von rund 2000 Euro.

Die Zurich-Versicherung macht demgegenüber eine andere Rechnung auf: Forderungen seien erst ab dem Datum des Urteils zu stellen, so die Haltung der Versicherung. Und auch die Höhe des Pflegemehrbedarfs errechnet die Versicherung anders als der Anwalt der Familie A: Bei einem täglichen Pflege- und Betreuungsaufwand von fünf Stunden errechne sich nach dem „Entgelttarifvertrag für die Beschäftigten in Privathaushalten“ eine Nettostundenvergütung von 6,48 Euro. Monatlich ergebe dies eine Summe von 972 Euro, von der dann noch das Pflegegeld, das Familie A. von der Pflegekasse erhält (675 Euro), abzuziehen sei. Ergebnis: Die Versicherung ist bereit, monatlich 297 Euro als sogenannten Mehrbedarfsschaden zu zahlen. Für die Zeit ab Verkündung des Urteils wird eine Nachzahlung von 1188 Euro angeboten.

Und die Versicherung bietet auch gleich noch an, statt der monatlichen 297-Euro-Rente eine Kapitalabfindung zu zahlen: „Unter Berücksichtigung der voraussichtlichen Lebenserwartung Ihres Mandanten errechnet sich insoweit ein Kapitalabfindungsbetrag „in Höhe von 59 925,10 Euro“, heißt es in dem Schreiben weiter. Die Versicherung rundet ihr Angebot auf 60 000 Euro auf.

Der angenommene „Kapitalisierungsfaktor“ ist dabei gleichzusetzen mit der Restlebenserwartung von T. - 16,814 Jahre. Für Anwalt Bächler „sachlich nicht zu rechtfertigen“: „Laut Medizinern kann er bei der heutigen Versorgung ein normales Lebensalter erreichen.“

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