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Gronau: Lebt Täter unter den Opfern?

Klaus Wiedau

Gronau - Die Angst geht um im Osten der Stadt. Eltern begleiten ihre Kinder zur Schule und zum Kindergarten, Elternpflegschaften diskutieren mit der Polizei, Mütter und Väter verfolgen mit kritischen Blicken, wer sich in ihrer Wohnstraße bewegt, notieren Kennzeichen von Fahrzeugen. Kinder kommen morgens verunsichert zur Schule, weil sich Angst und Sorge der Eltern auf sie übertragen. Der Grund: Hartnäckig halten sich Hinweise und Gerüchte, dass ein Sexualstraftäter nach Verbüßung seiner Haftstrafe in die Stadt zurückgekehrt ist. Acht Jahre hat der heute 42-jährige Mann wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in einer Justizvollzugsanstalt verbracht. Im August 2010 wurde er entlassen. Bereits am 21. Juni hatte das Landgericht in Münster die von der Staatsanwaltschaft geforderte Sicherungsverwahrung abgelehnt (wir berichteten ausführlich über die Verhandlung).

Nach Informationen unserer Zeitung hat der Mann nach der Haftentlassung tatsächlich vorübergehend in Gronau gewohnt, ist inzwischen aber in eine Großstadt verzogen. Die Angst vieler Eltern aber ist geblieben, einige betonen, dass sie den 42-Jährigen noch vor wenigen Tagen in der Stadt gesehen haben wollen. Wie sehr das Thema die Opfer und ihre Angehörigen beschäftigt, macht ein Brief deutlich, der der WN-Redaktion vorliegt: „Mein Kind ist eines seiner Opfer“, schreibt eine Mutter. Der Fall ihrer Tochter wurde vom Gericht nicht verhandelt, weil die Tat verjährt war. „Mein Kind versuchte letzte Woche, sich das Leben zu nehmen, indem es sich vor ein Auto warf. Mein Kind hat die Bilder dieses Missbrauchs ständig im Kopf und weiß nicht, wie es damit leben soll. Mein Kind hat die Angst, dass er ihm über den Weg läuft, mein Kind kommt mit dem Leben nicht mehr klar, weil es ihn gibt.“ Und weiter schreibt die Mutter: „Aber er lebt weiter - frei und flexibel, und unsere Justiz schützt ihn auch noch, weil er seine Strafe verbüßt hat.“

Die neue Rechtsprechung, die - wie berichtet - die Regelung der nachträglichen Sicherungsverwahrung stark einschränkt, war nur einer der Gründe, warum das Landgericht in Münster im Sommer einen entsprechenden Antrag der Staatsanwaltschaft ablehnte (siehe „Zum Thema“). Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor deutlich gemacht, dass ein während der Haft erstelltes Gutachten zu dem Schluss komme, von dem heute 42-Jährigen seien weitere erhebliche Straftaten zu befürchten.

Schwer tut sich auch die Polizei mit der aktuellen Situation. Einerseits wies ein Vertreter der Kreispolizeibehörde während einer Elternpflegschaftsversammlung der Viktoriaschule am Montagabend darauf hin, dass der 42-Jährige nicht mehr in der Stadt wohne. Diese Aussage bestätigten Eltern gegenüber den WN. Der offizielle Sprachgebrauch der Polizei aber ist anders: In einer Analyse unter Beteiligung verschiedener Behörden würden allen Erkenntnisse zur Person und zur Sache berücksichtigt und auf dieser Basis Maßnahmen durchgeführt, um den Schutz der Bürger zu gewährleisten, heißt es in einer Stellungnahme der Kreispolizeibehörde, die die Redaktion auf Anfrage erhielt (siehe „Im Wortlaut“). Aber: Ein Hinweis oder eine Bestätigung, dass der 42-Jährige nicht mehr in Gronau lebt, sei nicht zulässig, „da die Polizei auch die verfassungsmäßigen Freiheits- und Persönlichkeitsrechte entlassener Straftäter zu wahren hat“.

Die Mutter des Opfers kann das nicht verstehen. „Täter werden geschützt - vor ihren Opfern“, schreibt sie. Und weiter: „Er hat seine Strafe verbüßt - die Opfer und ihre Angehörigen büßen ihr ganzes Leben.“

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