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Große Stars an dünnen Fäden

Petra Noppeney

Emma, die fröhlich pfeifende Lokomotive, soll nicht länger auf der Insel Lummerland herumkurven. Weil das von König Alfons dem Viertelvorzwölften so angeordnet wird, hauen Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, mit Emma ab – aufs offene Meer aus wogender Zellophanfolie hinaus.

Was folgt in dieser zweiten, diesmal farbigen Fernsehadaption der Geschichte von Michael Ende im Jahr 1976 durch die Augsburger Puppenkiste, ist eine Hommage an das Nachrichtenwesen. Ein Bayer mit Stoppelbart verliest Emmas Verschwinden in jenem Dialekt, wie er jenseits des Weißwurstäquators gepflegt wird; ein sanfter Hase fungiert als Repräsentant des „Häsischen Rundfunks“; ein Amerikaner sorgt zudem für transatlantische Verbreitung der betrüblichen Neuigkeit.

Michael Endes Kinderbuch war schon bei seinem Erscheinen im Jahr 1960 ein Hit. Doch Ende erging es damit wie vielen anderen Autoren auch: Nahm sich die Augsburger Puppenkiste, die heute ihr 60-jähriges Bestehen feiert, nach 1953 mit ihren fantasievollen Puppen und einfachen, aber liebevoll gestalteten Kulissen eines Stoffes für eine Fernsehproduktion an, avancierte diese nicht selten zum Kult für Jung und Alt.

Max Kruse erging es mehrfach so. Sein Buch „Urmel aus dem Eis“, wegen seines putzigen Personals aus diversen Tieren mit knuffigen Sprachfehlern bis heute ein Renner, wurde durch die Verfilmung der Augsburger Puppenkiste im Jahr 1969 weltberühmt. Inzwischen sind es die Kindeskinder der damaligen Zuschauer, die sich über „Wutz“, „Wawa“ und „Urmeli“ amüsieren. Auch wenn die schönsten Produktionen der Augsburger Puppenkiste heute nur noch selten beim Hessischen Rundfunk als Haussender gezeigt werden und stattdessen zur DVD gegriffen werden muss.

Neben „Urmel“ zählen auch Kruses Löwe-Trilogie, die 1965 mit „Der Löwe ist los“ begann, oder sein Buch „Don Blech und der goldene Junker“ (1973) zu den populären Produktionen der Puppenkiste. Deren Erfolgsgeschichte nahm am 26. Februar 1948 mit der Bühnenpremiere des Stücks „Der gestiefelte Kater“ ihren Anfang. Walter Oehmichen, Gründer des Unternehmens, das heute von seinem Enkel Klaus Marschall geführt wird, hatte als Soldat 1940 in einer Schule bei Calais in Frankreich ein Puppenspiel entdeckt und seine Kameraden in Kriegstagen damit unterhalten. Daraus entwickelte er anfangs die Idee eines mobilen „Theaters in der Kiste“.

Der schräge Schriftzug auf dem Kistendeckel – er ist neben den über Jahrzehnte von Hannelore Oehmichen, der Tochter des Gründers, geschnitzten Marionetten das Markenzeichen des Theater geblieben. Hinzu kommt die kunstvolle Künstlichkeit, mit der die großen Stars an dünnen Fäden durch die Kulissen stapfen. Am Charme dieser Figuren haben sich jene Macher, die glaubten, „Urmel“ und Co. als eindimensionale Zeichentrickfiguren für jüngere Zuschauer wiederentdecken zu können, bislang die Zähne ausgebissen.

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