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Heiligendamm

Großpuppen, Clowns und schwules Zelten

wn

Berlin – Mancher reist nicht mit Kapuzenpulli und Palästinensertuch, sondern mit Clownkostüm und Cheerleader-Puschel im Gepäck zum G8-Gipfel in Heiligendamm. Protestkultur, das sind nicht nur die großen Akteure wie die Kirchen, Gewerkschaften und Organisationen wie Oxfam oder Greenpeace.

Wenn alles friedlich bleibt, wenn nicht vermummte Autonome auf Krawallkurs sich in Szene setzen und die Medienbilder erobern, dann könnten die G8-Demonstrationen eines werden: bunt. „Es ist wirklich ein ganz breites Spektrum“, sagt Frauke Distelrath, Sprecherin des globalisierungskritischen Netzwerks "Attac".

Die Spanne, die zu dem politischen Großereignis in der ersten Juni-Woche kommt, reicht laut der Ankündigungen im Internet von der Samba-Gruppe über die Fahrradkarawane bis hin zu den „internationalen Hedonisten“ und den „Queers against G8“. Letztere richten sich an das schwule Publikum und empfehlen als Gepäck für die Ostsee unter anderem „Kleines Radio, Fummel, Schwimmreifen, Zelte, viel Make up!“ Die „taz“ spottete bereits, dass zum Gegengipfel in Rostock der „internationale Protest-Jetset“ anreisen werde und riet: „Packen Sie Wörterbücher ein, vor allem für Swasi.“ Eine andere Zeitung hob den Protest in die Stil-Kolumne und gab Tipps, zu welchen Trillerpfeifen der Demo-Trendsetter greifen sollte.

Beim Treffen der Welthandelsorganisation WTO 1999 in Seattle seien die Puppen zum ersten Mal aufgetaucht. Die Workshops stärkten das Gruppengefühl, aber natürlich gehe es auch darum, mit den Figuren Medienaufmerksamkeit zu erzeugen, sagt Passadakis. Dass die Proteste bunter und origineller geworden sind, hält er auch für eine Reaktion auf die Gewalt beim Gipfel in Genua und die Terrorismusdebatte nach dem 11. September 2001.

Einen generellen Stil oder klare Erkennungszeichen gibt es in der Protestkultur nicht, das Palästinensertuch ist zum Beispiel längst ein modisches Accessoire. Dass Jugendliche zunehmend unpolitisch sind, hält die Berliner Sozialwissenschaftlerin Gabriele Rohmann für ein Vorurteil. Globalisierung sei für die Jüngeren durchaus ein Thema, Organisationen wie Attac verzeichneten großen Zulauf.

„Die verbinden das auch mit sehr viel Spaß“, sagt die Mitarbeiterin des Archivs der Jugendkulturen. Sänger Jan Delay hat einen grundsätzlichen Wunsch, verriet er kürzlich: „Ich will, dass wir wieder dahin kommen, dass Engagement etwas Cooles ist und nicht gleich mit Birkenstock verbunden wird.“ Gut möglich, dass er an der Ostsee nicht nur Rastazöpfe und Sandalenträger sichten wird.

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