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Politik Inland

Guttenberg in stürmischer See

unserem Korrespondenten Franz Ludwig Averdunk

Berlin - Drei schwerwiegende Vorfälle bei der Bundeswehr - und der Minister hat nichts davon gewusst? Karl-Theodor zu Guttenberg steht vor einer für ihn wenig angenehmen Befragung im Verteidigungsausschuss des Bundestags. Die Zielrichtung gab am Donnerstag SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold vor: Im Ministerium werde offenkundig nicht richtig erkannt, über welche Vorfälle der Minister unterrichtet werden müsse.

Ein 21-jähriger Soldat war kurz vor Weihnachten in Afghanistan durch eine Kugel umgekommen, die sich anscheinend versehentlich gelöst hatte. Selbst verursachter Unfall, hieß es von Seiten der Bundeswehr.

Das sei eine glatte Falschinformation gewesen, befand Arnold gestern. Vermutlich habe sich die Kugel aus der Waffe eines Kameraden gelöst. „Dämliche Spiele mit Waffen“ habe es im Vorfeld gegeben.

Zudem will er wissen, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Tod des Soldaten und der Kontrolle von Soldatenbriefen in die Heimat gegeben habe. Selbst ohne einen solchen Zusammenhang: Die Empörung in der Politik geht durch alle Lager. Feldpostbriefe aus Afghanistan waren erkennbar geöffnet worden. Teils kamen Umschläge ohne Inhalt an. So steht es in einem Bericht des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus.

Zeitgleich machte er Spannungen an Bord des Segelschulschiffs „Gorch Fock“ öffentlich. Die 25-jährige Offiziersanwärterin Sarah Lena S. war 7. November 2010 von einem Mast abgestürzt und später in einem Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen. Daraufhin weigerten sich Offiziersanwärter, weiter „aufzuentern“, also die bis zu 45 Meter hohen Masten in die Takelage hochzuklettern.

Sie wurden, so der Bericht, von Ausbildern massiv unter Druck gesetzt - mit Sätzen wie: „Wenn Sie nicht hochgehen, können Sie das Offizierspatent vergessen.“ Vier der Offiziersanwärter hätten der Schiffsführung von der Stimmung unter ihren Kameradinnen und Kameraden berichtet - beeinträchtigt auch durch eine Karnevalsfeier, die die Stammbesatzung zwei Tage nach dem tödlichen Unfall veranstaltete. Die Vier hätten vermitteln wollen. Reaktion: Sie sollten wegen Meuterei und Aufhetzens der Crew aus der Ausbildung entlassen und nach Deutschland geflogen werden. Dazu kam es nicht, weil die Marineführung die gesamte Ausbildung auf dem Dreimaster stoppte.

„Es gab keine Meuterei“, hielt Königshaus gestern dagegen. So sieht es auch Arnold: Das „Sperrigsein“ der Offiziersanwärter habe „mit Meuterei nichts zu tun“. Sie hätten ihre staatsbürgerliche Pflicht erfüllt, „unsinnige oder gar rechtswidrige Befehle in Frage zu stellen“.

Er hält es für möglich, dass sich die Strafjustiz einschaltet. Ein möglicher Punkt: Die ums Leben gekommene Offiziersanwärterin war nur 1,59 Meter groß - und lag damit unter der vorgeschriebenen Mindestgröße, um in die Takelage klettern zu dürfen. Ein Marinesprecher wies dies zurück: „Es gibt nur ein Mindestmaß in der Bundeswehr für Einstellungen, und das beträgt 1,55 Meter“, sagte er.

Die Untersuchungskommission der Marine, die sich auf den Weg zur „Gorch Fock“ macht, wird sich auch mit der Beschwerde eines Offiziersanwärters über sexuelle Belästigung an Bord befassen müssen.

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