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Sozialdienste in Sorge

Händeringend Ersatz für Zivis gesucht - Freiwillige vor!

Elmar Ries

Münster - Das Aus für den Zivildienst wird in vielen sozialen Einrichtungen gravierende Auswirkungen haben. Negative Auswirkungen natürlich. Und das treibt Angelika Frank seit geraumer Zeit um. Zivildienstleistende waren - und sind noch - im Sozialen wichtige Helfer, Unterstützer, kurzum: Kräfte, die wenig kosten, aber viel leisten.

Ab dem 1. Juli ist der Zivildienst nun perdu. Ausgesetzt gemeinsam mit der Wehrpflicht. Und damit fängt das Problem ab. Im vergangenen Jahr gab es bundesweit noch 90 000 Zivildienststellen. Sie sollen nun durch 35 000 Stellen ersetzt werden, für die Freiwillige vorgesehen sind. „Da bricht richtig was weg“, sagt Frank, die Geschäftsführerin der Gesellschaft zur Förderung des freiwilligen sozialen Engagements im münsterischen Bistum. Rund 1500 Zivildienstleistende arbeiteten im vergangenen Jahr noch in den katholischen sozialen Einrichtungen des Bistums, ebenso viele waren es in den westfälischen Häusern der Diakonie.

Auf den Zivildienst folgt also der sogenannte Bundesfreiwilligendienst (BFD). Und der unterscheidet sich von seinem Vorgänger nicht nur dadurch, dass er - nomen est omen - freiwillig ist. Auch die Zahl der künftig zur Verfügung stehenden Plätze wird reduziert. „Wir werden rund 400 Stellen bekommen“, sagt Frank. 300 werden es bei der Diakonie sein, sagt Jürgen Thor, Leiter des dortigen Referats Zivil- und Freiwilligendienst.

Natürlich, sagen Frank und Thor, lassen sich Stellen einsparen, indem Synergien genutzt und Arbeitsabläufe optimiert werden. Zudem seien Verbände und Einrichtungen willens und auch in der Lage, 400-Euro-Kräfte anzustellen. Nur, jene Arbeiten, die zwar wichtig sind, aber eben nicht sein müssen, die etwas mit Betreuen zu tun haben, damit, sich Zeit für Menschen zu nehmen oder sich fürsorglich um sie zu kümmern, Arbeiten also, die Zivildienstleistende eben auch erbracht haben, sie werden womöglich auf der Strecke bleiben. „Und das Nachsehen haben jene, die diese Art von Zuwendung dringend benötigen“, befürchtet Thor. Alte, Kranke, Behinderte.

Woher aber sollen die Freiwilligen kommen? Wer, und vor allem: wie viele junge Menschen interessieren sich für den Freiwilligendienst? Gottlob gibt es sie, Interessenten wie Gerald Bösing aus Haltern am See, der gerade sein Abitur gemacht hat und im Spätsommer anstelle des ursprünglich angedachten Zivildienstes eben freiwillig bei der Caritas arbeiten wird - „weil ich etwas Soziales machen will und das vor dem Studium vermutlich eine einmalige Chance sein wird.“

Nur ist einerseits die Konkurrenz groß: Der Arbeitsmarkt lockt mit attraktiven Jobs, zudem haben die Hochschulen landauf, landab die Zahl ihrer Studienplätze aufgestockt. Während sich auf der anderen Seite der demografische Wandel auf doppelte Weise bemerkbar macht: Es gibt immer weniger Jüngere, während die Zahl der älteren Menschen und damit jener, die der Hilfe bedürfen, steigt. „Der Druck auf die sozialen Einrichtungen wird damit definitiv größer“, sagt Geschäftsführerin Frank.

Hinzu kommt: Bislang rekrutierten die Wohlfahrtsverbände viele Mitarbeiter aus dem Kreis ihrer Zivildienstleistenden - knapp 17 Prozent blieben. Da besteht die Gefahr eines schleichenden Ausblutens.

Ob die Sozialdienste künftig ihre Freiwilligen-Stellen allesamt besetzt bekommen, scheint fraglich. Menschen wie Gerald Bösing sind rar. Auch der hat sich von vielen Freunden die Frage anhören müssen, wieso er denn ein Jahr verschenke, jetzt, da er doch keinen Zivildienst mehr machen müsse. Es ficht den 18-Jährigen aber nicht an.

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