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Filmrezensionen

"Hanni und Nanni": Witze doof im Lindenhof

Gian-Philip Andreas

Enid Blyton hin und her: Als Junge fand man „Hanni und Nanni“ doof, weil die „Fünf Freunde“ viel cooler waren. Wie konnten zwei Zwillingsmädchen mit zopfigen Namen schon gegen die aufregenden Abenteuer von Julian, Dick, Anne, George und Timmy anstinken? Gar nicht!

Man wusste damals natürlich noch nicht, dass die deutschen Verleger „Hanni und Nanni“ gnadenlos eingedeutscht hatten: Aus den Lacrosse-Spielern der smarten St. Clare´s School wurden die öden Handballerinnen vom Lindenhof gemacht, aus der forschen Pat wurde Hanni und der ruhigen Isabel Nanni, und Blytons sowieso recht unterkomplexe Prosa wurde in stumpfe Hauptsatzfolgen runternivelliert. Lahmes Mädchenzeug war das. Wenn man ein Junge war.

Den Siegeszug der „Hanni und Nanni“-Reihe bewirkten die Mädchen trotzdem: Bis heute liegen (seit Blytons Tod 1968 als Franchise geschrieben) zig Bücher und Hörspiele vor, in Japan entstand eine Anime-Serie. Merkwürdig also, dass es 69 Jahre dauerte, bis TV-Regisseurin Christine Hartmann („Problemzone Schwiegereltern“) eine Quasi-Verfilmung des ersten Bandes („The Twins at St Clare´s“) besorgte.

Aber: Es wäre besser ungeschehen geblieben. Auch wenn die Zwillinge (Jana und Sophia Münster) jetzt vor ihrer Abschiebung ins Internat (wegen Kaufhausdiebstahl) mit Unterhaltungselek­tronik hantieren, versucht Hartmann ziemlich verkrampft den Spagat zwischen Nostalgie und Moderne, lässt mies abgelieferte Dialog-Gags zu und die unvermeidlichen Gaststars ungezügelt überagieren: Was etwa Hannelore Elsner als trienige Internatsmutti, Heino Ferch als luschiger Zwillingspapa und Katharina Thalbach als französische Musiklehrerin mit Mireille-Mathieu-Gedächtnisfrisur vom Stapel lassen, treibt auch Kindern die Fremdscham ins Gesicht.

Wenn relativ am Anfang Oliver Pocher als Kaufhausdetektiv die Schmierencharge auspackt, ist schon fast klar, dass da nichts Relevantes folgen wird. Tatsächlich bleibt es bei episodischem Geplänkel, etwas Zickenkrieg, obligatorischer Selbstfindungspädagogik und halbherzigen Witzen. In Zeiten von „Wilden Hühnern“ und „Harry Potter“ (auf den mehrfach penetrant Bezug genommen wird) ist das absolut zu wenig.

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