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Filmrezensionen

„Happy-Go-Lucky“: Pure Lebenslust

Hans Gerhold

Wenn es einen Film gibt, der für Sommer im Herzen, Labsal für geplagte Seelen und das immer halbvolle Glas des Lebens steht, ist es „Happy-Go-Lucky“ von Mike Leigh. Der beschert dem Kino mit Sally Hawkins eine Schauspielerin, deren Charme so unwiderstehlich ist, wie ihre Darstellung der Londoner Grundschullehrerin Pauline, Poppy genannt, umwerfend.

Dabei geht es irritierend los. So wie sich Poppy durchs Leben lacht, kichert und gackert, wirkt sie anfangs wie eine ewig plappernde Nervensäge, an der man gern den Abstellknopf betätigen würde. Das geht schnell vorbei, denn hinter Poppys Turbo-Schnäuzchen verbirgt sich eine echte Optimistin. Ihre unbedingte Lebensbejahung ist nicht aufgesetzt, sondern von einer Kraft bestimmt, die positives Denken übersteigt: es ist die pure Lebenslust und -freude.

Poppy lebt seit zehn Jahren in einer WG mit einer Freundin, zieht mit hochhackigen Stiefeln, Netzstrümpfen und grell buntem Outfit Runden durch Viertel, in dessen Pubs sie gern ein Gläschen zu viel trinkt, und lässt sich von nichts und niemand die Welt mies machen. Schon gar nicht von diesem Fahrlehrer (wunderbar Eddie Marsan, gerade als Bösewicht in „Hancock“ zur Stelle), der ihr mit Pünktlichkeit, Regeln und Rassismus kommt und sich in sie verliebt. Aus der Konfrontation des verknöcherten und verklemmten Scott mit der blühenden und bebenden Poppy gewinnt der Film seine besten Szenen.

Denn eine Handlung muss man suchen. Sie liegt irgendwo zwischen Poppys rasanter Fahrschule, urkomischen Flamenco-Stunden mit Tanzlehrerin Rosita (Karina Fernandez), bei der man sofort Unterricht nehmen möchte, und Poppys Gesprächen mit ihren Schwestern: Die eine lamentiert ewig und drei Tage, die andere ist verheiratet und trotz Eigenheim, Couchgarnitur und Versicherung nicht glücklich.

Inszeniert hat die Sommerkomödie Mike Leigh („Vera Drake“), wie Ken Loach einer der Väter des britischen Sozialdramas, dem man einen derart leichten, flotten und fröhlichen Film kaum zugetraut hätte. Er weiß Hawkins zu führen, sorgt für Ernsthaftigkeit in Szenen mit einem wütenden Schüler und einem Penner, und er gönnt Poppy ganz am Rande eine schöne Romanze mit einem Sozialarbeiter.

Der Film gehört natürlich voll und ganz Sally Hawkins, die als Überlebenskünstlerin durch London fliegt und sich nicht aufhalten lässt. In gewisser Weise ist sie die ideale Frau fürs beschwingte weibliche Arthouse-Kino, das sich von „Sex and the City“ abheben will und Individualismus auf ganz andere Art feiert.

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