1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Harmonie in Wilderness

  6. >

Auswanderer

Harmonie in Wilderness

Michaela Töns

Horstmar/Wilderness. Croissants vom französischen Bäcker, Pasta vom Italiener nebenan und der österreichische Wirt serviert Süßspeisen aus dem Alpenland. Wenn Ursula Krug über den kleinen Markt von Sedgefield spaziert, macht sie jedesmal auf wenigen Metern eine kulinarische Weltreise.

Was die Stände anders macht: Ihre Waren sind nicht importiert. Ihre Anbieter schon. Ursula Krugs neues Zuhause am Rand der malerischen Garden Route ist ein Magnet für Auswanderer. Sie alle haben den Traum vom weiten Land Südafrikas wahr gemacht. Seit fast einem halben Jahr gehört die Idylle am Kap auch zum Alltag von Ursula Krug und ihrer Familie.

Alltag? Auch wenn sie täglich Neues entdecken, hat er sich inzwischen tatsächlich eingestellt. Die Krugs wohnen als Housesitter bis Oktober auf dem Anwesen eines Schweizers, der schon lange in Südafrika lebt. Während sie sich um sein Haus kümmern, sehen sie sich nach einer eigenen Bleibe um.

Fast wie weggeblasen war das Gefühl, ein Tourist zu sein, als Ursula Krug kürzlich einen Handwerker bestellen musste. Sie erfuhr, dass sie neben dem Installateur noch eine große Portion Geduld brauchen würde. „Drohungen bringen nichts. Man muss viele Dinge mit viel Ruhe angehen“, sagt Ursula Krug, die in Horstmar aufgewachsen ist und zuletzt 14 Jahre in Bayern gelebt hat, über die südafrikanische Mentalität.

Besonnen und entschlossen hat die Familie ihre Auswanderung geplant. „Wir hatten schon lange vor, in die Sonne, den Süden, die Wärme zu gehen.“ Bei Reisen über den Kontinent verloren sie und ihr Mann ihr Herz an Afrika. Im vergangenen Jahr legten sie dort 10 000 Kilometer zurück auf der Suche nach dem Ort, der ihnen die Infrastruktur und die Atmosphäre bringt, nach der sie sich sehnen. Breiter Strand, davor der Indische Ozean, dahinter Bergkuppen mit bis zu 1400 Metern Höhe – Hoekwil bei Wilderness an der Garden Route erhielt den Zuschlag.

Die Krugs beauftragten ein Einwanderungsbüro in Kapstadt, das für die Familie die bürokratischen Hürden aus dem Weg schob. Ihre Eltern daheim in Westfalen überfiel Ursula Krug mit der Neuigkeit, als die Einreisepapiere längst auf dem Weg waren.

Für sie sind die rund 10 000 Kilometer zwischen Deutschland und dem Kap nicht unüberwindbar. Die Länder liegen im Sommer in einer Zeitzone. Früher habe sie zwischen Bayern und Westfalen acht Stunden im Auto verbracht, jetzt sei sie elf Stunden mit dem Flieger unterwegs, wenn sie von Südafrika nach Deutschland fliegt. „Und wenn das Leben zu schwierig wird, dann gehen wir wieder.“ Während Auswandererfamilien in der Nähe der großen Metropolen ihre Anwesen mit Sicherheitsdiensten schützen, hat Familie Krug die problematischen Seiten des Lebens in Südafrika in ihrer ländlichen Umgebung noch nicht kennengelernt. Auch wenn sie sich dieser Konflikte bewusst ist. „Es gibt einfach große und offenkundige Gegensätze.“

In der Vorschulklasse von Ursula Krugs Sohn Leo werden sie sichtbar. Aber nicht spürbar. „Dort sind weiße, farbige und schwarze Kinder in einer Klasse. Diskriminierung gibt es, soweit wir bislang sehen, nicht.“ Der Sechsjährige ist begeistert vom neuen Zuhause. In den ersten drei Wochen hatte er noch Probleme mit der neuen Sprache und damit, dass ihn die anderen Kinder nicht verstehen konnten. Inzwischen ist der Kurs klar: Daheim spricht Leo deutsch, in der Schule englisch. Auch seine Eltern haben schnell Anschluss gefunden. Die europäische Gemeinde um Wilderness ist groß. Mit einem belgisch-deutschen Paar haben sie schon Freundschaft geschlossen.

Einer fehlte noch zum südafrikanischen Familienglück: Hund Muck. Ihn hat Ursula Krug erst jetzt aus Deutschland abgeholt. Als die Abreise anstand, hatten alle eine Daueraufenthaltsgenehmigung. Nur Muck nicht. Er erhielt drei Monate Asyl bei Freunden in Deutschland. Dann konnten die Krugs die Pannen des Einwanderungsbüros beheben. Mit ihm ist sie jetzt nach Südafrika zurückgeflogen. Zurück ins neue Leben am Kap. Mit Maggi-Würze und Haribo-Weingummi im Gepäck. Denn die hat Ursula Krug schon nach wenigen Wochen vermisst. Sonst nichts.

Startseite