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Wahl-Blog

Harmonie und Hass

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Washington - Am Eingang der großen Buchhandlung am Dupont Circle im Herzen Washingtons steht ein großer Tisch mit Büchern zur Präsidentenwahl. Da gibt es Biografien über Obama, McCain, Biden und Palin, außerdem auch über Michelle Obama, die einzige für die Öffentlichkeit interessante und zeitweise auch kontroverse Ehegattin der Bewerber. Die Hälfte der Bücher aber sind Negativprodukte über Obama, mit Halbwahrheiten und gezielten Falschdarstellungen bis hin zu substanziellen Verschwörungstheorien. Obama wird als verkappter Kommunist und in den selben Büchern auch als verkappter Islamist beschrieben (was an die Logik gewisse Anforderungen stellt). Außerdem wird angedeutet, dass er vielleicht doch nicht in den USA geboren sei (dann dürfte er gar nicht kandidieren). Dass er so ein Star geworden ist, wird Absprachen der dominanten Medien zugeschrieben.

In der Negativwerbung im Fernsehen, die die Zahle der positiven Anzeigen bei weitem überwiegt, werden ähnliche Themen angeschlagen, es findet ein Charaktervernichtungskampf statt. Die Übertreibungen sind so grotesk, dass die Obama-Kampagne einzelne Anzeigen inzwischen an ihre eigenen Anhänger weiterleitet und sie auffordert, angesichts solcher Geschmacklosigkeiten für Obama zu spenden, damit er sich dagegen zur Wehr setzen kann. Auch die Anzeigen Obamas sind zu einem großen Teil negativ. Sie beschäftigen sich aber weniger mit Persönlichem, sondern werfen McCain hauptsächlich vor, Bush unterstützt zu haben und seine Politik bruchlos weiterführen zu wollen. Die Fachliteratur sagt, dass Negativkampagnen stärker durchschlagen als Positivargumente, auch wenn die Wähler das Negative satt haben.

Die Kandidaten selbst gehen selten so weit. McCain nimmt Obama in einer Veranstaltung sogar gegen den Vorwurf einer seiner Anhängerinnen in Schutz, ein „Araber“ zu sein (wohl das Schlimmste, was es gibt). Andererseits wirft er ihm Verbindungen mit einem Terroristen der siebziger Jahre vor. Palin bezeichnet Obama sogar als Kommunisten. In Automaten-Anrufen werden diese Botschaften unter das Volk gebracht. Viele Menschen sorgen sich über die Folgen solcher Hass-Propaganda-Kampagnen und erinnern sich an die Ermordung der beiden Kennedys und von Martin Luther King.

Obama bleibt in seinen Reden konsequent bei seinem Appell, alle Amerikaner müsssten zusammenstehen. Ein wenig erinnert das an das Motto von Johannes Rau „Versöhnen statt spalten“. Aber es wird mit sehr viel mehr Emphase und Patriotismus vergetragen, mit der Folge, dass die Anhänger am Ende nicht nur „Obama“ skandieren, sondern auch „USA, USA“ – ein für die Demokratische Partei eher ungewöhnlicher Slogan. Auch Biden kommt immer wieder darauf zurück, nach der Wahl müssten alle Amerikaner zusammen kommen, im Interesse des Landes. Und den Gegnern wirft er vor, Amerika zu spalten. Eine ungeschickte Äußerung Palins, in Virginia sei sie in einem proamerikanischen Teil des Landes, dient dabei immer wieder als Beweis.

Mit den Tritten unter dem Tisch kontrastiert die Nettigkeit, mit der sich die Kandidaten über dem Tisch behandeln, wenn sie zusammenkommen. Da klopft man sich gegenseitig auf die Schulter und redet sich mit Vornamen an. Auf der Wohltätigkeitsveranstaltung des Kardinal-Erzbischofs von New York versuchen sich beide Kandidaten sogar in entspannendem Humor. Dabei ist McCain zum einzigen Mal rhetorisch deutlich überlegen. Als Clown oder Kabarettist wäre er besser geeignet als Obama, der auch bei solchen Gelegenenheiten immer der kontrollierte und ernsthafte Politiker bleibt.

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