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Heile Zwangsfamilie

Gian-Philip Andreas

Theater-Veteran Samuel Fintzi spielt hier einen Psychopathen. Einen von der Sorte, die es ja nur gut mit einem meinen. Und weil er so ein Theaterprofi ist, spielt er ihn etwas zu deutlich. Möglicherweise tut er das aber auch nur, um sich gegen die Blässe zu stemmen, die diesem Film ansonsten schwer zu schaffen macht.

Regiedebütant Marc Meyer hatte eigentlich eine gute Idee: Ein Mann um die Vierzig, der sich Oliver nennt, entführt im Advent ein paar Menschen, um sie in einer verlassenen Ost-Berliner Plattenbau-Wohnung gefangen zu halten – aber keineswegs, um sie dort zu ermorden, sondern um heile Familie zu spielen und das Weihnachtsfest zu feiern.

Großeltern, Kinder, Ehefrau, ein Baby von der Babyklappe – Oliver mag es heimelig, für Vorräte ist gesorgt. Nur die rigiden Familienregeln und die bombensicher abgeriegelte Wohnungstür verraten seinen Wohlfühlsadismus: „Wir sagen Du, Schatz!“ ist Olivers Ansage an die perplexe „Ehefrau“ (Nina Kronjäger).

Trotz dieser feinen Idee bleibt alles auf fahlem Fernsehspielniveau und dramaturgisch unausgereift: Der Beginn ist unglaublich holprig, die Schlusspointe enttäuscht. Dazwischen immerhin entfaltet sich ein absurdes Kammerspiel, dem gute Mimen Leben einhauchen.

Der vorhersehbare Dreh, die Zwangsfamilie zur Therapiezone für familiär verkrachte Existenzen aufzubauen, lockt allerdings niemanden hinterm Ofen hervor.

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