1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Helmut Schmidt: Der Katastrophen-Manager

  6. >

Politik Inland

Helmut Schmidt: Der Katastrophen-Manager

Franz Ludwig Averdunk

Berlin. „Gott helfe uns!“: die letzten drei Wörter der denkwürdigsten Rede Helmut Schmidts – gehalten am 20. Oktober 1977 im Bonner Bundestag. RAF-Terroristen hatten Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer ermordet. Der Staat lasse sich nicht erpressen, hatte der Kanzler den RAF-Forderungen nach Freilassung von Gefangenen entgegengehalten. Die schwerste Entscheidung seines Lebens ist „immer noch eine seiner schmerzhaftesten Erinnerungen“, sagt ein Vertrauter.

Am Dienstag feiert der Ex-Kanzler seinen 90. Geburtstag – derzeit gefragt, wie viele Jahre nicht. Es wirkt wie ein Ritterschlag, wenn er den frisch ausgerufenen Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier demonstrativ zum Plausch beiseite nimmt. Es adelt den SPD-Parteitag mit der Reaktivierung Franz Münteferings, wenn Schmidt anreist.

Die neue Krise, der alte Krisenkanzler als Ratgeber: Der heiße Herbst, die Kaperung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ – Befreiungsaktion ohne Blutvergießen auf deutscher Seite: „Da sind mir die Tränen gekommen“, bekennt Schmidt heute. Kurz darauf die Schleyer-Ermordung: Zu seinen Gefühlen angesichts dieser Schreckensnachricht sagt er nichts.

Wie er denn überhaupt derart von Gott geschaffen sei, dass „ich meine Gefühle nicht so vor mir hertrage“. Das ist der Kanzler, wie er im Bewusstsein geblieben ist – einer mit „sehr selbstbewusster und autoritärer Art“, wie Gerhard Schröder durchaus mit anerkennendem Unterton kundtut. So einen wie Schmidt brauchte Deutschland damals: einen, der als ausgewiesener Katastrophen-Manager – beim Hamburger Flutdesaster – hervorgetreten war.

Kaum als Nachfolger von Willy Brandt (Guilleaume-Affäre) ins Amt gekommen, läuft die Weltwirtschaft aus dem Ruder, angeheizt durch die erste große Ölkrise. Mit dem französischen Präsidenten Giscard d’Estaing ruft er den Weltwirtschaftsgipfel – damals die G 6 – ins Leben.

1979 betreibt er den Nato-Doppelbeschluss: Den Sowjets, die mit ihren SS-20-Rakten speziell Europa bedrohen, werden einerseits Abrüstungsverhandlungen angeboten. Sonst werde – andererseits – die Nato mit Pershing-2-Rakten nachrüsten. Schmidt stellt heute fest, seine Strategie habe sich als richtig erwiesen. Damals gehen Hunderttausende dagegen auf die Straße, viele aus seiner SPD. Parallel dazu wächst die Anti-Atom-Protestbewegung rasant.

Den FDP-Vorleuten mag er nicht mehr gram sein, die ihm zuletzt die Koalition aufkündigten. Altersmilde? Mit Helmut Kohl, vom dem er zunächst gar nichts hielt, hat er sich längst ausgesöhnt. Gerhard Schröder gewann spätestens nach dem Nein zum Irakkrieg Schmidts Achtung.

Schmidt, der Eigensinnige und Ungewöhnliche: Trotz des inzwischen vierten Herzschrittmachers führt er sich der Öffentlichkeit als Genussraucher vor. 66 Jahre ist er mit der Lehrerin Hannelore „Loki“ (89) verheiratet; das einzige Kind, Tochter Susanne (61), lebt als Börsen-Journalistin in England, ist mit einem Banker verheiratet.

Startseite