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Herta Müller: Nobelpreis ist auch ein Job

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Stockholm - Der Literaturnobelpreis habe ihr nicht zuletzt auch einen zusätzlichen „Job“ gebracht, sagt die Berliner Schriftstellerin Herta Müller (56) zwei Tage vor der Verleihung am Donnerstag in Stockholm. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur dpa antwortet die gebürtige Rumänin am Dienstag auf Fragen zu ihrem persönlichen Umgang mit dem berühmtesten Literaturpreis der Welt und den damit verbundenen zehn Millionen Kronen (950 000 Euro): Wenn Sie die Liste bisheriger Nobelpreisträger anschauen, welchen anderen Trägern fühlen Sie sich literarisch, politisch oder persönlich besonders nahe? Müller: „Natürlich habe ich mir die Liste angeschaut. (Zögert) Nahestehend? Samuel Beckett, Nelly Sachs, Imre Kertész. Das ist vielleicht mein liebster auf der Liste. Er steht mir am nächsten, und ich kenne ihn auch persönlich.“ Möchten Sie öffentlich mitteilen, welche Pläne Sie mit der Dotierung des Nobelpreises haben? Müller: „Was ich mit dem Geld mache? Sag ich nicht. Ich kaufe mir keine Jacht, also machen Sie sich keine Sorgen.“ (Lacht) Haben sie seit der Vergabe des Literaturnobelpreises im Oktober das Gefühl, dass sie mit dieser Ehrung als deutsche, rumänische oder vielleicht europäische Preisträgerin vereinnahmt werden? Müller: „Naja, ich bin von allem etwas. Aber es ist nicht mein Problem, die Einordnung kommt immer von außen. Mir ist wichtig, dass ein Thema den Preis gekriegt hat, und das Thema ist die Diktatur und was dort mit dem Einzelnen passiert. Die systematische und planmäßige Zerstörung von Menschen. Das betrifft ja so viele Länder in ganz Osteuropa oder auch in Afrika, in China, von Nordkorea ganz zu schweigen, dann die Gottesstaaten. Die blindwütige Zerstörung von Menschen ist doch überall immer dieselbe. Da ist es egal, ob ich den Preis nun für Deutschland oder Rumänien oder sonst wen bekomme.“ Günter Grass ist in Stockholm als Nobelpreisträger vor zehn Jahren viel häufiger aufgetreten als Sie und hat sich beschwert, dass Deutschland sich nicht einfach mal über den Preis für ihn freuen könne. Warum gehen Sie das anders an? Müller: „Deutschland soll sich bitte nicht freuen. Wenn dann einzelne Menschen. Ich bin keine Institution und will auch keine werden. Das ist für mich das aller, aller wichtigste, dass ich meine Normalität habe. Dass hier mit dem Nobelpreis muss für mich etwas Gewöhnliches sein. Das ist jetzt keine Abwertung. Es ist nicht meine Art, aufzutrumpfen.“ Haben Sie Sorge, dass die allgemeine Aufregung um den Nobelpreis Ihnen viel Zeit und Energie für das Schreiben wegnimmt? Müller: „Nein. Ich hab gerade ein Buch fertiggeschrieben, die "Atemschaukel". Nach jedem Buch hab ich bisher mindestens zwei Jahre Pause gemacht. Es gibt eine Zeit, in der ich leer bin. Ich hab keine Substanz mehr und sage dann: Jetzt möchte ich leben. Dann kommt es wieder von selbst oder auch nicht. Jetzt würde ich sowieso kein Buch schreiben. Außerdem gibt es so viele Bücher auf der Welt.“ Bewegt all das, was Sie jetzt um den Nobelpreis herum erleben, in irgendeiner Weise auch literarisch etwas in Ihnen, weil es so außergewöhnlich ist? Müller: „Nein, für mich ist das ein ganz anderer Job. Das hat mit dem Schreiben überhaupt nichts zu tun. Ich bin jetzt hier in Stockholm, oder wenn ich Interviews wie dieses gebe, kein Schriftsteller. Ich mache da einen ganz anderen Beruf. Der gehört dazu, das wird ja immer mehr. Alle wollen die Person haben, das Buch reicht nicht mehr, man muss auftreten, die Leute wollen einen sehen und Bücher signiert haben. Ich kann hier auch nicht Deutschland vertreten. Ich kann nur mich selbst vertreten. Das gelingt mir auch nicht immer. Aber wenn es mir gelingt, reicht das schon.“

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