1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Hilfe für das depressive Tränentier

  6. >

Archiv

Hilfe für das depressive Tränentier

Hans Gerhold

Der Mann ist ein Hohlkopf, leidet unter Vatertrauma, ist impotent, und das Verhältnis zu Schäferhund Blondie kann man durchaus als verdächtig ansehen. Er spielt in der Badewanne mit einem Schlachtschiff und sieht im gelben Trainingsanzug aus, als hätte sich Bruce Lee überfressen. Die Rede ist von Filmfigur Adolf Hitler, die in Dani Levys Satire auf die Couch gelegt und therapiert wird.

Der Coup des Films ist die Besetzung des „GröFaZ“ mit Helge Schneider, der, bis zur Unkenntlichkeit entstellt, erstaunlich gut als Adolf, das depressive Tränentier, durchgeht und leistet, was Satire soll: den Führer lächerlich machen, ihn entblößen, des Kaisers neue Kleider vorführen. Da ist „Mein Führer“ die beabsichtigte subversive Antwort auf „Der Untergang“ und eine schöne Lachnummer.

Andererseits leben wir in Zeiten von Borat, die Kunst kann und muss es sich leisten, gnadenlos einen paranoiden Weltzerstörer, Teppichbeißer und Brüllaffen hinter dem Mikro zu zeigen. Der Mann darf einfach nicht gut wegkommen, was in vielen Szenen der Fall ist, die Sympathie mit dem Autobahnbauer erwecken. Nur lachen ist nicht genug, das Lachen sollte im Halse stecken bleiben. Da kommt Levy die Angst vor der eigenen Courage ins Gehege, ist die Satire zu brav, bleiben Spott und Hohn aus. Warum? Weil Levy über die Idee hinaus, den armen Diktator von seinem ehemaligen, aus dem KZ geholten Schauspiellehrer wieder aufbauen zu lassen, die falsche Konsequenz zieht. Adolf müsste vernichtet werden, statt dessen baut ihn der schrecklich chargierende Ulrich Mühe wieder auf. Das ist Schmierentheater auf hohem Niveau. Gelungen und genial ist hier nur Sylvester Groth als Goebbels, der lustvoll verschlagen den Reichspropagandaminister spielt, der weiß, wie man mit „inszenierter Realität“ umgeht.

Bleibt der unausweichliche Vergleich mit Chaplins „Der große Diktator“. Levy, der mit jüdischen Themen in „Alles auf Zucker!“ viel überzeugender und risikobereit inszenierte, variiert Szenen des Vorbilds von der Triumphfahrt bis zur Schlussrede, erfindet die Weltkugel, mit der Charlie tanzte, als Mini-Bar neu (gelungen) und weiß natürlich, dass der damals mutige Akt Chaplins gegen die offizielle Weltpolitik heute nicht zu wiederholen ist. Aber er ist in Details nicht mutig und übermütig wie Chaplin: Damals (1939!) urinierte ein Mädchen dem Führer in die Hand. Levy lässt ihn nicht mal die Treppen zur Tribüne hochstolpern. Insgesamt auf hohem Niveau gescheitert.

Startseite