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Forschen & Heilen

Hoffen auf Zeit

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Wer in die Demenzsprechstunde der Uniklinik kommt, hofft entweder, dass es doch nichts Ernstes ist – oder auf eine Behandlung, die das Vergessen hinauszögert.

Der Verdacht ist niederschmetternd. Doch er besteht und muss – im eigenen Interesse und in dem der Familie – untersucht werden. Einmal in der Woche sitzen Dr. Agnes Flöel Menschen gegenüber, die exakt dies wissen und zu ihr mit der Hoffnung kommen, dass exakte Diagnostik und Therapie in ihrem Fall helfen können. Denn nicht immer bestätigt sich der Verdacht der Demenz.

Die Medizin unterscheidet heute zwischen annähernd 100 verschiedenen Formen der Demenz. Eine rasche und exakte Diagnose ist deshalb schwer und wird von Hausärzten und niedergelassenen Neurologen immer häufiger spezialisierten Kliniken überlassen. „Die Ärzte wissen, dass sie ihre Patienten an uns überweisen können“, meint Dr. Agnes Flöel. Die Vorteile eines Hauses wie den Uni-Kliniken aus ihrer Sicht: „Wir sehen mehr Patienten und haben die Möglichkeit einer umfangreichen Testung.“

Die Möglichkeiten überzeugen auch Betroffene, die schon länger an Demenz leiden und regelmäßig die Sprechstunde besuchen, um sich neu mit den Medizinern zu beraten. Manchmal ist eine neue medikamentöse Einstellung nötig, weil sich die Symptome

der Demenz verlagert haben. „Oft sprechen wir auch über Veränderungen, die durch die Demenz hervorgerufen werden können.“ Depressionen gehören dazu, die ebenfalls mit Medikamenten behandelt werden können.

Privatdozentin Dr. Agnes Flöel weiß, dass sie in ihrer Demenzsprechstunde in den Unikliniken Münster nicht auf die Uhr sehen darf und sich Zeit nehmen muss für die Detailfragen der Patienten und Angehörigen. „Viele erkundigen sich nach dem Fortschreiten der Krankheit“, sagt sie. Die Menschen, die ihr gegenüber sitzen, wollen wissen, was sie zu erwarten haben. Und das ist ebenso wichtig wie die Erkenntnis, dass eine frühe Diagnose „in einem stabilen sozialen Umfeld und bei einer guten medikamentösen Einstellung noch einige gute Jahre erwarten lässt“. Lebensqualität auf Zeit – das ist mehr als nichts.

Der Verdacht einer Demenz muss sich nicht bestätigen. Bei den Testungen beispielsweise durch nuklearmedizinische Diagnostik, die Klarheit über den Stoffwechsel im Gehirn gibt, bei Kernspin und umfangreichen neurologischen Untersuchungen stellt sich häufig heraus, dass der Patient nicht an Demenz, sondern an einer behandelbaren Krankheit leidet. Das kann Vitaminmangel sein, gelegentlich auch eine Erhöhung des Nervenwasserdrucks im Gehirn, die durch Punktierungen abgemildert werden kann.

In vielen Fällen jedoch bestätigt sich der Verdacht. Bei etlichen Patienten werden die häufigsten Demenzformen festgestellt – die Alzheimer-Demenz und die durch Gefäßerkrankungen bedingte Form. Krankheiten, die bis heute nicht geheilt, zu einem Teil jedoch verzögert und gemildert werden können.

Medikamente sind ein wichtiger Baustein. Wer jedoch nur auf sie setzt, sieht zu kurz. Dr. Flöel begegnet in ihrer Sprechstunde immer wieder Patienten, die ihr seit Jahren bekannt sind und die ihren Rat bei Veränderungen suchen. „Ein dementer Mensch“, erklärt sie häufig, „braucht Verlässlichkeit.“ Einen stets gleich strukturierten Tag und ein Wohnumfeld, in dem alles vertraut sein muss und nichts verändert werden sollte.

Die meisten Mediziner sehen es gern, wenn die Patienten von ihren Angehörigen begleitet werden. Denn so können Ärzte wie Dr. Agnes Flöel von Anfang an auf Selbsthilfegruppen aufmerksam machen, die für viele Familien wertvolle Hilfe leisten. Immer wieder unterhält sie sich mit den Pflegenden auch über die Lebenssituation zu Hause und versucht ihnen zu erklären, wie sehr ein dementer Mensch auf Rituale und Verlässlichkeiten angewiesen ist. „Für viele Angehörige“, weiß die Fachärztin, „sind diese Gespräche sehr wichtig, weil sie immer wieder Antworten auf Detailfragen bekommen können.“

Unterschätzt wird bislang der Einfluss der Bewegung. „Wir raten sehr dazu, Sport so lange wie möglich zu treiben“, empfiehlt Dr. Flöel. „Schnelles Gehen bietet sich an, ebenso Gymnastik und Nordic Walking.“ Derzeit wartet sie ebenso gespannt wie ihre Kollegen auf die Ergebnisse von Studien, die in der Bewegung einen zentralen Ansatz im Kampf gegen die Demenz sehen. Manches spricht dafür, dass Sport die Krankheit nicht nur verlangsamt. „Es kann auch sein, dass er präventiv wirkt.“ Sollte sich diese Vermutung bestätigen, hätte jeder Mensch die Chance, eigene Schritte zu unternehmen, um das Demenz-Risiko zu senken.

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