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Forschen & Heilen

Hungrig aufs Leben

Der letzte Moment, an den er sich bewusst erinnert, führt ihn in den Winter 2006. Auf den Nikolaustag. „An dem Tag bin ich ins Krankenhaus eingeliefert worden“, erzählt Karl-Heinz Gries. Eine unspektakuläre Operation an sich, eine...

Annegret Schwegmann

Der letzte Moment, an den er sich bewusst erinnert, führt ihn in den Winter 2006. Auf den Nikolaustag. „An dem Tag bin ich ins Krankenhaus eingeliefert worden“, erzählt Karl-Heinz Gries. Eine unspektakuläre Operation an sich, eine, in der ein Geschwulst entfernt wurde, klein und harmlos, wie sich während des Eingriffs herausstellte. „Damit ging alles los“, erinnert sich auch seine Frau Barbara. Sechs Tage später musste ihr Mann erneut in den OP-Raum geschoben werden, weil sich eine Naht gelöst hatte.

Wie viele Operationen diesen ersten beiden folgten – die beiden haben längst zu zählen aufgehört. Es waren zu viele, zu schwere, zu bedrohliche. Ende des vorigen Jahres schien es so, als müsse Karl-Heinz Gries Abschied vom Leben nehmen. Seine letzten Ansprechpartner in der Medizin schienen die Sterbemediziner zu sein. Gries befand sich auf der Palliativstation eines Krankenhauses in Troisdorf und verlor täglich Gewicht. „Hätte meine Ärztin damals nicht tagelang recherchiert, und wäre sie nicht auf die Ernährungsmedizin in Münster gekommen – ich wäre heute tot.“ Der 66-Jährige sagt das ohne Pathos. Es ist für ihn eine Tatsache.

Seine Ärzte und seine Familie betrachten häufig die Fotos, die dieses schwierigste Lebenskapitel von Karl-Heinz Gries dokumentieren. Die ersten Fotos zeigen den früheren Telekom-Mitarbeiter als agilen Frühpensionär, in jedem Arm eine seiner beiden Enkelinnen, hier die siebenjährige Lena, da die dreijährige Emma. Ein Mann mit Zielen, mit Lachfalten, die seine Augen noch sprühender aussehen lassen.

108 Kilo wog der Rheinländer aus Lohmar zwischen Köln und Bonn damals, ein stattliches „Kampfgewicht“, wie Gries es nennt, bei einer Größe von 1,88 Metern. Die nächsten Fotos zeigen ihn neben seiner Frau Barbara. Auf diesen Bildern lächelt nur sie, doch das Lächeln will ihre Augen nicht berühren. Zu sehr leidet sie mit ihrem Mann, der ausgezehrt neben ihr liegt. 58 Kilo wiegt er zu dieser Zeit, die Knochen bohren scharfe Linien in sein Gesicht.

Die jüngsten Fotos zeigen ihn mit einer Zeitung in den Händen. Sie hätten auch beim Rasenmähen entstehen können oder beim Spiel mit den Enkelinnen oder am Tisch mit seiner Frau und seinen drei Söhnen. Denn all das ist heute wieder möglich. Karl-Heinz Gries hat 30 Kilo zugenommen. Er sieht nach vorn. Das Leben hat ihn zurückgewonnen.

Der Krebs ist längst erfolgreich behandelt worden. Sein Todesurteil wäre stattdessen beinah ein Kurzdarm-Syndrom geworden. Der Dünndarm, erklärt der Diabetologe und Ernährungsmediziner Dr. Markus Masin, der Gries im vorigen Winter beinah sterbend auf einer Liege in Empfang nahm, war nicht mehr in der Lage, all die Nahrungsbestandteile zu zersetzen und zur Blutbahn zu überführen, ohne die der Mensch nicht leben kann. Masin, Spezialist der Uni-Kliniken für die so genannte klinische Nutrition, begann mit einer exakten Körper- und Organanalyse und entwickelte für seinen Patienten eine punktgenaue Infusionstherapie. Der 66-Jährige wird seitdem durch einen Katheter mit den Vitaminen und Spurenelementen versorgt, die er braucht.

Die Unikliniken Münster sind eines der wenigen Häuser, die die Vorzüge des Groshong-Katheters nutzen. Dr. Heiner Wolters, Privat-Dozent und Oberarzt in der Allgemeinchirurgie, implantierte den Katheter im Brustkorb und verband ihn mit der Blutbahn. Durch ein Außenstück werden seitdem die Infusionen angeschlossen. „Das Infektionsrisiko ist bei diesem Katheter sehr gering“, sagt er. Auch die Handhabung sei leicht. Die Infusionen werden abends angeschlossen. Die Patienten wie Karl-Heinz Gries bekommen Rucksäcke für die Infusionen, um auch nachts mobil zu sein.

Die vergangenen 24 Monate haben alle verändert. Ihren Mann, ihre Söhne und sie selbst. Nichts ist seitdem mehr selbstverständlich. Wenn sie an ihre Verzweiflung denkt, an ihre Angst und die Hilflosigkeit, die sie immer empfand, wenn sie bei ihrem Mann saß, ihm helfen wollte und doch nicht wusste, wie sie es machen sollte, dann sieht sie zwei Lebensretter: die Ärzte der Uni-Kliniken. Und die Kraft ihres Mannes. „Er ist unglaublich stark. Er hat nie aufgegeben, niemals.“ Auch nicht im Winter 2007, als er regungslos und ausgezehrt in der Troisdorfer Palliativ-Abteilung lag. „Er hat immer die Bilder seiner Enkelinnen aufhängen lassen.“

Wenn Barbara Gries das sah, spürte sie, dass ihr Mann bereit war, selbst in den ausweglosesten Situationen zu kämpfen. Für das Leben. Für sich und für seine Familie.

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