1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. „Ich erzähle aus meinem Leben“

  6. >

IVZ-Lokalfenster - Tecklenburger Land

„Ich erzähle aus meinem Leben“

wn

Lengerich - Ein „Solo mit Euch“ will Achim Reichel am 31. Oktober bei der „Blue Night at Gempt“ mit dem Publikum spielen. Der 66-Jährige ist nicht nur mit, sondern auch neben den Beatles musikalisch groß geworden. Angefangen im legendären Star Club in Hamburg, hat den gelernten Kellner sein musikalischer Weg durch viele Länder und Stilrichtungen geführt. Dabei ist er sich immer treu geblieben, so wie dem FC St. Pauli, in dessen zweiter Knabenmannschaft er einst dem runden Leder hinterhergejagt ist. Das Gespräch mit unserem Redakteur Michael Baar ist zu einer Wanderung durch das Musikerleben des in Wentorf bei Hamburg geborenen Kult-Musikers geworden.

Was war Ihr erstes Instrument, Herr Reichel?

Achim Reichel: Eine Gitarre, die bei einem Kumpel im Partykeller an der Wand hing.

Wie und wann haben Sie die in die Finger bekommen?

Achim Reichel: So ungefähr mit 15 Jahren. Ich hab´ sie getauscht gegen einen Plattenspieler. Nachts haben wir Radio Luxemburg gehört und auf Tonband mitgeschnitten.

Und dadurch lernt man Gitarre spielen?

Achim Reichel: Rock ist eigentlich ganz einfach, das sind nur drei Akkorde.

Ihre erste Band waren die „Rattles“. Wie haben Sie zusammengefunden?

Achim Reichel: Die Band ist aus der Clique heraus entstanden. Wir suchten einen englischen Namen und haben im Dictionary „rattles“ gefunden. Geschüttelt, das fanden wir ganz passend.

Sie sind dann ja gut gestartet, haben im Star Club gespielt, wo damals auch die Beatles auftraten. Gibt es heute noch Kontakt zu Paul McCartney oder Ringo Starr?

Achim Reichel: Eher mit Paul. Vor vier Jahren haben wir uns getroffen bei seinem Konzert in Hamburg. Der ist immer noch authentisch mit Hamburg verbunden.

1963 die erste Tour durch England und Schottland, Kontakt zu Little Richard und den Rolling Stones, weitere Tourneen in den nächsten Jahren. Ein permanenter Höhenflug mit der Gefahr des Abhebens?

Achim Reichel: Für uns war´s irgendwie normal, wir haben nicht abgehoben. Es waren Package-Touren. Da gabs Verpflegung, Unterkunft und etwas Taschengeld.

Das wars?

Achim Reichel: Ich bin mit einem Koffer voller LPs nach Hamburg zurückgekommen, hatte aber kaum Kohle.

Und sonst?

Achim Reichel: Die Girls vor der Bühne waren geil. Bis wir dann merkten, die sind wirklich ein bisschen gaga (lacht).

1967 das Aus für die „Rattles“. Wie kam es dazu?

Achim Reichel: Die Bundeswehr, meine Einberufung, ließ sich nicht abbiegen. Das war dann ´ne Vollbremsung und ziemlich hart. Schließlich hatte ich als grüner Junge schon relativ viel Geld verdient.

Aus Ihrer Bundeswehrzeit gibt´s die Episode mit dem Friseur, der Ihre Haare verkauft hat. Wie viel hat der kassiert und waren Sie sauer?

Achim Reichel: Das war eine komische Mischung aus: Der ist aber bekloppt und irgendwie fühlte ich mich auch gebauchpinselt. Zwei D-Mark hat der für ein Haarbüschel erhalten.

Wie viel wäre heute ein Haarbüschel von Ihnen wert?

Achim Reichel: Da läuft nichts mehr.

Nach der Bundeswehr starten Sie mit der Band „Wonderland“ durch. Tourneen mit den Bee Gees und Deep Purple folgen, doch nach zwei Jahren ist Schluss. Woran hat es gelegen?

Achim Reichel: Das war anders geplant. „Wonderland“ war eine gecastete Band. Ich habe die besten Musiker gesucht, aber die Chemie passte nicht.

Zur gleichen Zeit pachten Sie den Star Club. Auch da klappt´s nicht. Warum?

Achim Reichel: Wenn du auf die 30 zugehst, brauchst du einen echten, vernünftigen Beruf, weil du zu alt wirst für die Musik. Ich konnte Musik, aber war kein Gastronom. Da hab´ ich derbe Lehrgeld gezahlt.

In den 1970er Jahren wandelt sich Ihre Musik. Ende des Jahrzehnts geraten Goethe, Fontane und Liliencron in ihre Finger. War das Ausleben eines Wunsches, Pausenbeschäftigung oder Nachhilfe für Schüler, die sich die Texte nicht merken konnten?

Achim Reichel: Auslöser war, dass ich nachdenklich geworden bin. Es war nicht einfach: Wie erwachsen werden, seine Reife nicht verleugnen und trotzdem im Musikgeschäft bleiben? Ich wollte aus der musikalischen Kinderstube raus. Um ernst zu bleiben.

1979 Ihre ersten eigenen Texte. Goethe und Fontane als Katalysatoren?

Achim Reichel: Nein, das war nur so mal ´nen Einzelfall.

Zehn Jahre später wieder Dichter: Peter Paul Rah, Jörg Fauser und andere. Haben Sie gemeinsam Texte entwickelt oder haben Sie die Inhalte in Töne gefasst beziehungsweise mit Melodien unterlegt?

Achim Reichel: Nach den alten waren für mich die jungen Dichter, die in meinem Alter, dran. Das hat meinen Horizont erweitert. In Gedichtbänden habe ich Lyrik gefunden, die mich angesprochen hat. Ich hab´ dann einfach die Leute angerufen und gesagt, ich finde eure Gedicht ok, könnt ihr euch Musik dazu vorstellen? Die konnten das und daraus hat sich zum Beispiel „Der Spieler“ entwickelt. Jörg Fauser hat den schon in der ersten Zeile sterben lassen, aber ich hab´ ihm gesagt, lass ihn erst gewinnen (lacht).

27 Jahre nach dem ersten Auftritt das erste komplett eigen getextete und komponierte Album „Fledermaus“. Wofür steht dieser Titel?

Achim Reichel: Das ist eine einfache Metapher. Dracula, ein Kuss und du hängst drin in der Nummer (lacht). Da wird Verliebtheit beschrieben.

1989 „Was Echtes“, entstanden live bei einer dreitägigen Party in Ihrem Haus. Live geht heute immer noch, drei Tage Party auch?

Achim Reichel: Live ja. Das war nur mal so ´ne Idee. Wir haben da rumgejamt, ganz locker, ganz anders als im Studio. Einer kannte einen mit einem Studio in einem Lastwagen. Den haben wir angerufen und gesagt, komm her, bau auf und mach mal.

Ende der 1990er Jahre die ersten Resümee-Alben. Wollten Sie sich zurückziehen?

Achim Reichel: Damals fing das deutsche Radio an, sich zu formatieren. Nur Hits aus den 60er, 70er oder 80er Jahren. Das unternehmerische Denken gewann die Oberhand. Das war vielleicht gut für die Sender, aber mir ging´s gegen den Strich. Wofür soll ich noch Texte schreiben, die viele toll finden, aber keiner spielt die Lieder? Nur um einen Deal zu machen, das geht nicht. Es muss auch Werte darüber hinaus geben, beispielsweise Kultur.

Vor vier Jahren die nächste Überraschung: Achim Reichel hat sich - endlich? - des deutschen Volksliedes angenommen.

Achim Reichel: Das ist eine Brücke zwischen den Zeiten. Im Musikantenstadl laufen doch getarnte Schlager. International geht man mit Volksliedern zeitgemäß um. Es war ein uralter Traum von mir.

31 Oktober 2010, Gempt-Halle Lengerich, „Solo mit Euch“. Worauf dürfen wir uns hier im Tecklenburger Land freuen?

Achim Reichel: Fleischgewordene Musik, wenn man´s machen kann ohne Main zu streamen. Es ist alles dabei und ich bestehe seit einigen Jahren auf bestuhlten Konzerten. Warum sollen die Besucher, die in meinem Alter sind, stundenlang stehen? Es ist ein akustisches Konzert und mit einem anderen Flair. Handgespielte Musik und ich erzähle zwischen den Liedern aus meinem Leben. Das habe ich im vergangenen Jahr erstmals gemacht und es kam irre gut an. Es ist eine Herausforderung, durch das ganze Leben zu spielen.

Sie sind St.-Pauli-Fan. Wie oft sind Sie im Stadion?

Achim Reichel: Jetzt wieder des Öfteren. In der dritten Liga war ich nicht dabei. Ich war nicht bereit, Schmerzensgeld zu zahlen (lacht).

Stellen Sie sich vor, ich wäre eine gute Fee und Sie hätten für das Konzert in Lengerich einen Wunsch frei. Der wäre?

Achim Reichel: Ein volles Haus und gute Stimmung unten und oben. Die Musik hat mir immer ein großes Lebensglück vermittelt. Ich kann davon leben und kreativ sein.

Herr Reichel, wir danken für das Gespräch und freuen uns aufs Konzert in Lengerich.

» Karten gibt es im Vorverkauf bei der Bürgerstiftung Gempt, Gemptplatz 1, und in der Tourist-Information (Altes Rathaus) für 30 Euro (Abendkasse 36 Euro).

Startseite