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Reste vom Vortag

„Ich stand auch auf der Liste“

Stefan Donnermeyer

Münster-Nienberge - 19 Jahre, davon neun während der Schreckensherrschaft des NS-Regimes und zehn Jahre in der DDR als Regimegegner, lebte Richard Rudolf als Gefangener. Der heute 100-jährige verbringt zurzeit einige Tage in Nienberge, um an Schulen über diese schlimme Zeit in seinem Leben zu berichten.

„Jeden Abend wurde jemand erschossen, ich stand auch auf der Liste.“ Nur zu gut kann sich Rudolf an seine Gefangenschaft im KZ erinnern. Nachdem der Zeuge Jehovas wegen des Schmuggelns von verbotener Literatur zunächst für zweieinhalb Jahre im Gefängnis Breslau einsaß, wurde er anschließend unter „Schutzhaft“ gestellt und am 25 Januar 1939 ins Konzentrationslager Sachsenhausen verlegt. „Es war eine reine Tortur. Nur durch Glück habe ich das Erschießungskommando überlebt, weil der Kommandant, der den Befehl angeordnet hatte, zu diesem Zeitpunkt einen Schlaganfall erlitt.“

Noch weitere Male sollte der gebürtige Schlesier dem Tod nur knapp von der Schippe springen, beispielsweise im Arbeitslager Watenstedt (Salzgitter). Dort wurde dem überzeugten Pazifisten in der Funktion eines so genannten Kapos, einem Mitarbeiter der Lagerleitung, der andere Häftlinge beaufsichtigen musste, befohlen, russische Zwangsarbeiter in der Bombengießerei anzuleiten. Rudolf: „Als Kriegsdienstverweigerer konnte ich das unmöglich tun. Für diese Befehlsverweigerung sollte ich eigentlich hingerichtet werden. Nur durch den Schutz eines befreundeten Rottenführers, der mich als Koch in die Häftlingsküche holte, habe ich überlebt.“

Von einer Diktatur in die nächste geratend, erging es Richard Rudolf im DDR-Regime nicht viel besser. „Zehn Jahre Zuchthaus habe ich dort abgesessen, für nichts und wieder nichts.“

Trotz der erlittenen Qualen wirkt Richard Rudolf überaus lebensfroh. Vor fünf Jahren heiratete der KZ-Überlebende zum zweiten Mal und wohnt heute mit seiner Frau in Olderswort im Kreis Nordfriesland. Bei dem Straßennamen seiner Adresse muss der 100-jährige immer schmunzeln, denn der lautet „Bi de Friheit.“

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