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Im Namen der Ehre: Ein Opfer berichtet

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Münster - Aylin Korkmaz ist wohl so etwas wie die ideale Referentin. Es geht an der Polizeihochschule in Hiltrup um innerfamiliäre Gewalt, an diesem Vormittag speziell um die sogenannte Gewalt im Namen der Ehre. Die hat Aylin Korkmaz am eigenen Leibe erfahren. Ihr Mann hat im November 2007 einen Mordanschlag auf sie verübt.

26 Mal stach er auf sie mit einem Messer ein, fügte der heute 37-Jährigen unter anderem tiefe Schnittwunden im Gesicht zu, schlitzte ihren Kehlkopf auf, zerriss ihre Milz. Aylin Korkmaz verlor durch die Verletzungen noch am Tatort zwei Liter Blut, musste acht Stunden lang operiert und mit mehr als 250 Stichen genäht werden.

„Ich will mich nicht länger verstecken, sondern für die Frauen sprechen, die keine Stimme mehr haben. Denn ich habe das Glück, noch am Leben zu sein“, sagt sie zur Einleitung vor den Führungskräften der Polizei. Damit beginnt sie das Podiumsgespräch, das sie gemeinsam mit Vertretern der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes - deren Vorstandsmitglied Judith Conrads hatte zuvor eine Einführung in das Thema gegeben - führt, und erzählt ihre Geschichte:

Die handelt von einer Frau, die einen eigenen Willen hat und ein eigenständiges Leben führt. Für den 1978 aus der Türkei nach Deutschland gekommenen Mann ist das nicht hinnehmbar, heißt es in einer Pressemitteilung. Sie will sich scheiden lassen, er handelt. Aylin Korkmaz muss nun mit den Folgen leben. „Die Narben im Gesicht sind nur der sichtbare Teil davon“, sagt sie, „die Narben auf meiner Seele der andere“. Stark sein - das bedeutet für Aylin Korkmaz, in den Spiegel zu schauen. Das bedeutet, für ihre drei Kinder da zu sein, die das Geschehene nicht vergessen können. Und das bedeutet, in der Öffentlichkeit ihre Geschichte zu erzählen, um anderen Frauen, die in Familie oder Ehe gedemütigt und misshandelt werden, Mut zu machen, sich zur Wehr zu setzen und Hilfe zu suchen. Bevor es zu spät ist. Auch darum hat A. Korkmaz ihre Geschichte in einem Buch niedergeschrieben: „Ich schrie um mein Leben. Ehrenmord mitten in Deutschland“.

Eines ist ihr in der Polizeihochschule besonders wichtig: Aylin Korkmaz möchte die Anwesenden für einen behutsamen Umgang mit betroffenen Frauen sensibilisieren. „Für Frauen, die unter Gewalt und Unterdrückung durch Ehemann oder Familie leiden, bedeutet es häufig schon eine große Überwindung, überhaupt Verbindung mit der Polizei aufzunehmen. Fühlt sie sich dort nicht ernst genommen oder verstanden, zieht sie sich eher wieder zurück.“ Einfühlungsvermögen, Verständnis, vielleicht schon ein kleines Lächeln könnten die Betroffenen hingegen darin bestärken, Unterstützung in Anspruch zu nehmen und ihre Rechte einzufordern.

13 Jahre Haft lautete das Urteil für Korkmaz´ Ex-Mann. Dass der Täter nun, wie es weiter heißt, bereits im Jahre 2014 in die Türkei abgeschoben werden soll, wo er ein freier Mann sein wird, macht ihr und den Kindern zu schaffen. Und doch kämpft sie weiter für sich und für andere Frauen: „Ich weiß, wie man stirbt. Ich habe keine Angst mehr.“

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