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In Rheine geht die Angst um

Matthias Schrief

Rheine. In Rheine geht die Angst um. Gibt es einen Serientäter, der seine perversen sexuellen Gelüste mit Schülern ausleben möchte? Ein Täter, der nicht davor zurückschreckt, seine Opfer nachts aus der elterlichen Wohnung zu entführen? Oder, wie am Wochenende, aus dem Schlafraum der Jugendherberge zu verschleppen?

Mittlerweile ist ein weiterer Fall bekannt geworden, der deutliche Parallelen zu der mutmaßlichen Entführung in der Rheiner Jugendherberge aufweist.

Es ist die Nacht vom 26. auf den 27. April. In der Wohnung eines Hauses im Stadtteil Südesch wacht der zehnjährige David mitten in der Nacht auf. Neben ihm auf der Bettkante sitzt ein Mann und streichelt seinen Bauch. „Wenn Du mitkommst, passiert Dir nichts“, sagt der Unbekannte. Dabei zieht der Fremde auch einen Schraubenzieher aus der Tasche. David versteht sofort: Das ist eine Drohung.

Er beginnt zu wimmern, kauert sich in die letzte Ecke seines Bettes. Sein Glück: Davon wacht seine Schwester Steffi (19) auf. Ausnahmsweise hat David in ihrem Bett geschlafen, weil er am Abend in ihrem Zimmer einen Film sehen durfte. Als Steffi aufwacht, flüchtet der Unbekannte. Steffi sieht nur noch einen Schatten durch die Tür huschen und hört die Haustür knallen.

Schreiend wecken beide Kinder die Eltern: „Da war ein Mann in unserem Zimmer.“ Papa Michel streift sich eine Jogginghose über und rennt los – barfuß und mit nacktem Oberkörper. Er kann den Unbekannten nicht mehr erwischen.

Die Eltern rufen die Polizei. „Nach meinem Eindruck haben die Beamten das nicht so ganz ernst genommen. Sie äußerten die Vermutung, dass da wohl ein Freund von Steffi ihr einen nächtlichen Besuch abstatten wollte.“ Sabine R. hält das für abwegig. „Ein Freund würde dafür doch wohl nicht die Türkette aushebeln“, sagt die vierfache Mutter.

Eine Freundin erzählte Sabine R. von der Sache in der Jugendherberge: „Das hört sich doch genau so an, wie bei Euch“, sagte die Freundin. Für Sabine R. gibt es keinen Zweifel. „Beide Fälle weisen deutliche Parallelen auf.“

„Wir wissen noch nicht, ob beide Fälle zusammenhängen“, sagt Kreispolizeisprecher Udo Potthoff. Es sei noch zu früh, um „von einem zweiten Fall“ in Rheine zu reden. Heute sollen Spezialisten noch einmal beide Vorgänge genau abgleichen. „Wir nehmen beide Fälle sehr ernst“, sagte Potthoff.

Am Tag nach dem Eindringen des Unbekannten in ihre Wohnung wird der Fall bei der Polizei aufgenommen. „Danach haben wir zwei Wochen nichts mehr gehört“, sagt Sabine R.

Die Türkette hat Familie R. noch nicht wieder repariert. Sie hatten erwartet, dass die Polizei noch Fotos macht. „Fingerabdrücke sind auch nicht genommen worden“, sagt Sabine R. Vor zwei Wochen meldeten sich die Beamten wieder und präsentierten David verschiedene Fotos. David hat darauf niemanden erkannt. Der Mann, der an seinem Bett saß, war nach seinen Angaben etwa 20 bis 25 Jahre alt, war dunkel gekleidet und vielleicht 1,85 Meter groß. Er trug ein Käppi und hatten einen Dreitagebart.

Unterdessen geben die Ermittler nach der mutmaßlichen Entführung des Zehnjährigen aus der Rheiner Jugendherberge weitere Details preis. Demnach gibt es bislang keine Hinweise auf Einbruchspuren. „Wir wissen nicht, wie der mutmaßliche Täter in das Haus gekommen ist“, sagt Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer.

Auch nach intensiver Suche durch Polizeibeamte seien weder im Stadtpark noch im Umfeld der Jugendherberge weitere Spuren gefunden worden. „Die Unterhose des Jungen bleibt verschwunden“, sagt Schweer. Der Junge war nach der mutmaßlichen Entführung am Unterleib entkleidet in die Jugendherberge zurückgekehrt.

Die Ermittler müssen weiter davon ausgehen, dass ein Unbekannter den Zehnjährigen aus dem Schlafraum der Jugendherberge entführt hat. Fünf Kinder haben in dem Zimmer geschlafen. „Eins von den Kindern will gesehen haben, dass ein Mann den Jungen aus dem Zimmer geholt hat. Es dachte, es sei ein Betreuer. Die Betreuer versichern allerdings, dass sie während der fraglichen Zeit nicht in dem Zimmer waren“, sagt Schweer.

Offensichtlich liegt der Polizei keine konkrete Täterbeschreibung vor. „Großer Mann mit weißen Schuhen – genauere Angaben gibt es nicht“, sagt der Oberstaatsanwalt . Er vermute, dass sich daran auch durch die Befragung des Zehnjährigen durch Polizeibeamte an seinem Heimatort Osterrode in Niedersachsen nichts ändern werde.

Bisher sei kein Fall bekannt, bei dem ein Kind aus einer Jugendherberge entführt wurde, sagt unterdessen Markus Quast vom Deutschen Jugendherbergsverband Westfalen-Lippe. Es gebe Berichte über Entführungen aus Schullandheimen wie im Fall Dennis oder aus Zeltlagern. „Uns wird dagegen von verschiedenen Seiten bestätigt, dass unsere Jugendherbergen in puncto Sicherheit gut aufgestellt sind“, sagt Quast. Vor allem, weil die Herbergsleiter – wie auch in Rheine – selbst in den Jugendherbergen wohnen.

Quast bestätigt, dass auf Empfehlung der Behörden die Grünanlagen rund um die Herberge eingestutzt wurden. Weitere zusätzliche Sicherheitsvorrichtungen seien derzeit nicht im Gespräch. Das Jugendherbergswerk Westfalen-Lippe halte an dem Plan fest, die vor allem durch Sportgruppen und Schulklassen gut besuchte Jugendherberge ab Herbst dieses Jahres wie geplant auszubauen.

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