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Theologen fordern Jahr des Aufbruchs

In Sorge um die Baustelle Kirche

wn

Münster - Es ist kein Brandbrief. Das Schreiben ringt um Differenzierung, aber auch um Klarheit und Wahrheit in der Kirche. Gleichwohl treibt die unterzeichnenden 156 Theologen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eine brennende Sorge um.

Die Sorge, dass aus den Skandalen des Jahres 2010 nur unzureichende Konsequenzen gezogen werden: „Wir sehen uns in der Verantwortung, zu einem echten Neuanfang beizutragen: 2011 muss ein Jahr des Aufbruchs für die Kirche werden.“

So viele Christen hätten der Kirche den Rücken gekehrt. Die Kirche müsse nun „diese Zeichen verstehen und selbst aus verknöcherten Strukturen ausziehen, um neue Lebenskraft und Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.“ In sechs Punkten formulieren die Theologen ihre Anliegen und Reformvorschläge.

» Erstens geht es um stärkere synodale Strukturen: „Die Gläubigen sind an der Bestellung wichtiger Amtsträger (Bischof, Pfarrer) zu beteiligen. Was vor Ort entschieden werden kann, soll dort entschieden werden. Entscheidungen müssen transparent sein.“

» Punkt zwei bringt die Sorge um erodierende Großgemeinden zum Ausdruck: „Unter dem Druck des Priestermangels werden immer größere Verwaltungseinheiten - ,XXL-Pfarren - kon­struiert, in denen Nähe und Zugehörigkeit kaum mehr erfahren werden können. Historische Identitäten und gewachsene soziale Netze werden aufgegeben. Priester werden ,verheizt und brennen aus. Gläubige bleiben fern, wenn ihnen nicht zugetraut wird, Mitverantwortung zu übernehmen und sich in demokratischeren Strukturen an der Leitung ihrer Gemeinde zu beteiligen. (...) Die Kirche braucht auch verheiratete Priester und Frauen im kirchlichen Amt.“

» In Punkt drei geht es um die kirchliche Rechtskultur: „Kirchliches Recht verdient diesen Namen nur, wenn die Gläubigen ihre Rechte tatsächlich geltend machen können. Rechtsschutz und Rechtskultur in der Kirche müssen dringend verbessert werden; ein erster Schritt dazu ist der Aufbau einer kirchlichen Verwaltungsgerichtsbarkeit.“

» Punkt vier des Memorandums spricht die Gewissensfreiheit des Menschen an: „Damit ernst zu machen, betrifft besonders den Bereich persönlicher Lebensentscheidungen und individueller Lebensformen. Die kirchliche Hochschätzung der Ehe und der ehelosen Lebensform steht außer Frage. Aber sie gebietet nicht, Menschen auszuschließen, die Liebe, Treue und gegenseitige Sorge in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft oder als wiederverheiratete Geschiedene verantwortlich leben.“

» Punkt fünf mahnt zu kirchlicher Versöhnung und stärkerer Selbstkritik an: „Selbstgerechter moralischer Rigorismus steht der Kirche nicht gut an. Die Kirche kann nicht Versöhnung mit Gott predigen, ohne selbst in ihrem eigenen Handeln die Voraussetzung zur Versöhnung mit denen zu schaffen, an denen sie schuldig geworden ist: durch Gewalt, durch die Vorenthaltung von Recht, durch die Verkehrung der biblischen Freiheitsbotschaft in eine rigorose Moral ohne Barmherzigkeit.“

» Im Punkt sechs geht es um die Liturgie. Dort heißt es etwa: „Die Liturgie lebt von der aktiven Teilnahme aller Gläubigen. Erfahrungen und Ausdrucksformen der Gegenwart müssen in ihr einen Platz haben. Der Gottesdienst darf nicht in Traditionalismus erstarren.“

Abschließend schreiben die Theologen: „Der begonnene kirchliche Dialogprozess kann zu Befreiung und Aufbruch führen, wenn alle Beteiligten bereit sind, die drängenden Fragen anzugehen. Es gilt, im freien und fairen Austausch von Argumenten nach Lösungen zu suchen, die die Kirche aus ihrer lähmenden Selbstbeschäftigung herausführen. Dem Sturm des letzten Jahres darf keine Ruhe folgen!“

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