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LenzBlog

„Indy“ vs. „SATC“: Eine Überdosis Strass

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Zeit für eine Beichte: Ich gebe zu, dass ich keine einzige der 94 Folgen von „Sex and the City“ gesehen habe. Sechs Staffeln gingen unbeachtet an mir vorüber, und obwohl ich mitbekam, dass die Serie acht Golden Globes einheimsen konnte, dass sie durch penetrante Schleichwerbung einen spanischen Designer-Schuster namens Manolo Blahnik zum schickeriaumjubelten Galoschenkönig beförderte, dass sie durch vermeintlich unverblümte Dialoge als besonders frech gegolten haben soll: Zum Einschalten hat mich das alles nie bewegen können.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Dienstag abends, als die Folgen im Fernsehen liefen, immer anderes zu tun hatte. Möglicherweise aber lag es doch daran, dass die Serie in Deutschland im September 2001 genau sechs Tage nach 9/11 startete, ich damals also bedeutendere Dinge im Fernsehen sehen wollte, deshalb den Anfang verpasste und dann nie einstieg.

Jetzt könnte ich sozusagen von hinten anfangen und den Kinofilm zur Serie ansehen. Angeblich soll man den auch verstehen können, wenn man nie auch nur eine einzige Folge gesehen hat. Das hat bei mir zum Beispiel bei „Mission: Impossible“ geklappt. Da kannte ich vorher auch keine Folge von „Kobra, übernehmen Sie!“, und war trotzdem gefesselt. Doch in diesem Fall sind die Darstellerinnen ja dieselben: Fans der Serie werden sie lieb gewonnen haben. Mir aber wären sie neu. Ich käme mir vor wie der einzige Fremde auf einer Party enger Freunde.

Zum Glück machen es mir die US-Kritiker leicht. Sie haben den „Sex and the City“-Film nach Strich und Faden verrissen. Und überhaupt gibt mir die Filmgeschichte recht: Was für ein Wirbel wurde gemacht um den „Akte X“-Kinofilm, und als was für ein wirres Mystery-Witzchen in Fernseh-Ästhetik stellte der sich dann heraus! Hat nicht auch der peinliche „Mit Schirm, Charme und Melone“-Film mit Uma Thurman gezeigt, dass sich Kultserien nicht so leicht in Zelluloid übersetzen lassen?

Und wenn schon, dann gäbe es sowieso „Filme nach Serien“, die ich viel sehnsüchtiger erwarten würde als „Sex and the City“. Hat schon mal jemand an „Ein Colt für alle Fälle – Der Film“ gedacht, mit 90 Minuten voller spektakulärer Stuntman-Action? Oder „The Marienhof Movie“? Oder „Rosenheim Cops Reloaded“?

Wie dem auch sei, gestern Abend hatte ich wieder für ungefähr sieben Minuten das fiebrige Bedürfnis, trotz alledem in den „Sex and the City“-Film zu gehen. Ich sah nämlich so viele attraktive, erfolgreiche Menschen in die Vorpremiere strömen. Doch dann erblickte ich im Schaufenster einer edlen Boutique ein Duplikat jener Tasche, die Sarah Jessica Parker im Film trägt: ein klobiger Eiffelturm voller Strass. Noch nie in meinem Leben habe ich eine hässlichere Tasche gesehen.

Deshalb gehe ich jetzt doch noch mal in „Indiana Jones“. Man muss halt nicht alles sehen, was alle sehen.

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