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So berichteten wir am 20. Oktober 1989

Jeder DDR-Bürger soll einen Reisepass erhalten

wn

„In der DDR zeichnen sich nach dem Machtwechsel an der SED-Spitze und dem Amtsantritt des neuen Generalsekretärs Krenz immer deutlicher politische Veränderungen ab. Führende SED-Politiker bestätigten gestern Abend im DDR-Fernsehen und im ZDF, dass es bald deutliche Erleichterungen für Reisen von DDR-Bürgern ins Ausland geben wird. In einem ersten Live-Interview, das zwischen dem DDR-Fernsehen und dem ZDF geschaltet wurde, wies das Mitglied des SED-Zentralkomitees, Professor Reinhold, auf das Ziel der DDR-Führung hin, jedem Bürger einen Reisepass auszustellen. Zuvor hatte es bereits in der DDR eine Fernseh-Sensation gegeben. Live diskutierten DDR-Politiker mit Zuschauern: DDR-Bürger fragen, SED-Funktionäre antworten. Diese Form der Präsentation kannten DDR-Zuschauer bisher nur vom West-Fernsehen.

Auch eine Änderung des Wahlrechts wird nach Einschätzung von Kirchenkreisen nicht mehr ausgeschlossen. Der neue SED-Generalsekretär Krenz - so wurde gestern deutlich - scheint zudem an einer Ausweitung des gesellschaftlichen Dialogs in der DDR mehr interessiert, als in Ost und West zunächst angenommen worden war. Der Vorsitzende der Konferenz der evangelischen Kirchenleitungen in der DDR, Landesbischof Leich, sagte nach einem Gespräch mit Krenz, er traue dem 52-Jährigen zu, den Unmut in der Bevölkerung zu besänftigen und zu einem gemeinsamen Dialog mit allen Kräften zu kommen. Auch für das Verhältnis zwischen Staat und Kirche gebe es positive Signale - ebenso für eine Wende in der DDR-Gesellschaft.

Der führende evangelische Landesbischof machte deutlich, dass der neue SED-Generalsekretär auch zu Gesprächen mit neuen nichtstaatlichen Gruppierungen der Opposition bereit sein könnte.“

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