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Junge von Bolzplatz-Tor erschlagen - Entsetzen am Tag danach

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Nottuln - Auf dem Bolzplatz, auf dem sonst Kinder rennen und rufen, sind die Tore entfernt worden. Der Rasen wirkt nackt. Nur eine Kerze, deren Flamme im Wind flackert, und zwei Blumensträuße stehen auf dem Grün. Am Zaun eines Hauses in der Nähe steht eine Mutter und blickt auf die Kameraleute, die über den Platz huschen. Ihr Kind hält sie fest an sich gedrückt. Nottulns Bürgermeister Peter Amadeus Schneider ist auch gekommen. „Das sind Dinge, die man nicht erleben möchte“, sagt er betroffen. Einen Tag, nachdem ein zwölfjähriger Junge auf dem Bolzplatz in Nottuln-Darup von einem Tor erschlagen wurde, herrscht in dem Ortsteil Ausnahmezustand. Das Kind stammte aus Nottuln selbst und war zu Besuch bei fünf Freunden: zum Fußballspielen. Wie Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer gestern in Münster bestätigte, habe sich der Junge mit einem zweiten an die vordere Latte des Tores gehängt und sei vor- und zurückgeschaukelt, dadurch sei das Tor umgekippt. „Das eine Kind konnte wegspringen“, so Schweer. Das andere sei von der Latte am Kopf getroffen worden und erlitt tödliche Verletzungen. Reanimationsmaßnahmen verliefen erfolglos, der Junge sei bereits am Unglücksort ohne Lebenszeichen gewesen. Dennoch habe man ihn noch mit dem Krankenwagen ins Coesfelder Krankenhaus gebracht. Nun ermitteln Staatsanwaltschaft Münster und Kreispolizei Coesfeld wegen fahrlässiger Tötung. „Wir untersuchen, ob die Verkehrssicherungspflicht ver­letzt wurde“, wie der Staatsanwalt sagte. Der Bolzplatz gehört laut Schweer der katholischen Kirchengemeinde und ist an die Gemeinde Nottuln verpachtet, der somit die Verkehrssicherungspflicht obliegt. Eine Obduktion gibt es nicht, „die Todesursache ist ja klar, der Junge ist an seinen Kopfverletzungen gestorben“. Das metallene Tor wurde von den Behörden sichergestellt und un­ter­sucht. Josef Hesse, Geschäftsführer beim münsterschen Sportgerätehersteller Schäper, kennt sich aus mit Toren aller Art. 4000 Stück, so Hesse, liefere die Firma pro Jahr in alle Welt. „Wir schicken 40 000 Flyer in Sachen Tor-Sicherheit jährlich los, reden uns den Mund fusselig, damit die Leute wissen, wie sie richtig damit umgehen“, sagt Hesse, der selber Vater ist und zutiefst betroffen. Er habe sofort in Darup angerufen und sich erkundigt, ob das Tor eins von Schäper­ war. „Das war es nicht.“ In puncto Gesetzesgrundlage schreiben laut Hesse die sogenannte Gemeindeunfallverordnung und die DIN-Ordnung des TÜV vor, dass Tore gegen Kippen gesichert werden müssen. „Das ist sehr streng geregelt.“ Gewöhnlich müssten sie in Bodenhülsen verankert werden. Seien sie versetzbar, weil Jugendmannschaften auf den Plätzen quer spielen wollten etwa und nur die Hälfte des Platzes nutzten, dann müsse der Verein Gewichte auf die hinteren Leisten legen und das Tor so vor dem Umkippen schützen. „Falls sich vorn einer dranhängt, wirkt das nämlich wie ein Hebel.“ Verantwortlich für die Sicherheit der Tore sei der jeweilige Betreiber des Platzes, oft die Kommunen. Bolzplatz-Tore wie das umgefallene seien normalerweise drei mal zwei Meter groß und seien so, wie man Schrauben in einer Wand verdübelt, im Boden verankert. „Will man die Fläche anderweitig nutzen, kann man die Schrauben lösen und das Tor wegtragen,“ so Hesse. Dass Tore umfallen, komme leider öfter vor, „doch passiert meist nicht so viel.“ 2009 etwa ist in Hodenhagen in Niedersachsen ein zwölfjähriges Mädchen von einem Fußballtor erschlagen worden. Das Kind war hinaufgeklettert, um einen Ball zu holen. Daraufhin stürzte das Tor um. 2008 war ein 13-Jähriger auf dem Bolzplatz in Pohlitz (Region Oder-Spree) zu Tode gekommen. Das Tor war, wie möglicherweise das in Darup, nicht mit Ankern gesichert gewesen.

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