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Kampagne will europamüde Jungwähler wecken

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Düsseldorf - „Wozu soll ich wählen gehen? Es bringt mir nichts“, findet Osman Colak, Schüler eines Düsseldorfer Abendgymnasiums, mit Blick auf die Europawahl am 7. Juni. In seiner Familie würden alle so denken: „Bei uns wählt keiner.“ EU-Politik ist für ihn ein Buch mit sieben Siegeln: „Das einfache Volk bekommt kaum mit, worin die Arbeit der EU-Politiker besteht.“ Statistisch gesehen repräsentiert der Schüler die Mehrheit: Nur 34 Prozent der jungen Erwachsenen in Nordrhein-Westfalen haben an der letzten Europawahl teilgenommen, in Brandenburg waren es nur 22 Prozent. Die Kampagne „Euro Wahl Gang 09“ soll dies nun ändern.

Der von Berliner Studenten gegründete Verein „PolitikFabrik“ mit Schirmherrin Sandra Maischberger hat die Kampagne zur Europawahl ausgetüftelt. Mit dem Internet-„Wahl-O-Mat“ hatten die Berliner bereits bei vergangenen Wahlen für Furore gesorgt. Nun tourt die „PolitikFabrik“ bis Ende Mai durch 80 deutsche Städte und hat Politiker an die Schulen eingeladen. „Die europäische Politik ist zu weit weg und zu abstrakt - noch“, sagt TV-Moderatorin Maischberger. Schüler können Politikern Löcher in den Bauch fragen. Das sei wichtig, findet Maischberger, „weil Europa bestimmt, wie junge Leute in Zukunft leben werden.“

Die Kampagne, die unter anderem von der Europäischen Kommission und der Robert Bosch Stiftung finanziert wird, hat die besonders wahlmüden 18- bis 29-Jährigen im Visier. In Nordrhein-Westfalen ist die Zahl der Erstwähler bei einer Europawahl noch nie so hoch gewesen wie in diesem Jahr: Knapp eine Million Erstwähler dürfen in NRW für Europa erstmals ihr Kreuzchen machen. Bei der Europa-Wahl von 2004 waren noch knapp 875 000 Erstwähler zugelassen.

Die Erstwähler könne man packen, wenn man ihnen klarmache, dass es um ihre Zukunftschancen gehe, ist Maischberger überzeugt. Indirekt gibt das auch Colak (26) zu, wenn man ihn fragt, was ihn interessiert: „Politik an sich nicht, dafür aber der Arbeitsmarkt.“ Er möchte über den zweiten Bildungsweg Informatik studieren. Es sei schwer geworden, einen Job zu finden. Seine bisherigen Erfahrungen waren ernüchternd: „Das ist mein letzter Versuch, in der Wirtschaft zu bestehen.“

Eigentlich seien junge Menschen längst im Europa-Fieber, findet seine Mitschülerin Anne Bretthauer (26). Sie genießen das mühelose Reisen, sie studieren und arbeiten gerne im Ausland. Nur wenn es um Politik gehe und speziell ums Wählen, dann halte sich die Jugend zurück. Auch die angehende Lehrerin hat die letzte Europawahl geschwänzt: „Ich hatte zu wenig Informationen darüber, welchen Einfluss meine Stimme hat.“ Für Bretthauer und viele andere Schüler, die bei den Politiker-Diskussionen mitgemacht haben, steht nun fest: Der 7. Juni wird ihr „erstes Mal“. „Ich werde wählen, weil ich mitgestalten möchte. Vieles, was uns betrifft, wird bereits auf EU- Ebene entschieden“, sagt der 23-jährige Tim Plaggenborg.

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