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Karneval im Kreis Warendorf

Karneval ist Herzenssache

Joachim Edler

Warendorf - Als WaKaGe- Präsident Markus Hinnüber und sein Vize Frank Haberstroh nach fast fünf Stunden die Prinzenproklamation um kurz nach Mitternacht am Sonntagmorgen in der ausverkauften „Kreienbaum Sports & Events Halle“ abmoderierten, ist ihnen sicherlich ein Stein vom Herzen gefallen.

Nach dem Ende der Ära von Sitzungspräsident Willi Schöning im vergangenen Jahr, spielten sich Hinnüber und Haberstroh erstmals in diesem Jahr die Bälle zu, moderierten kurzweilig und mit Pfiff. Vor allem Haberstroh, im richtigen Leben Chefredakteur von Radio WAF, spielte seine Rolle super. Einziger Wermutstropfen: die stellenweise schlechte Akustik in der Halle.

Was noch auffiel: die eingekauften Nummern konnten mit den Eigengewächsen nicht mithalten. Die alten Kalauer (meist unter die Gürtellinie) von Weltenbummler Andreas Hille waren sicherlich Geschmacksache.

Und auch von den Kölsche Jungs hatte sich der eine oder andere mehr versprochen. Langjährige Beobachter der PriPro hatten jedenfalls schon mal Besseres gesehen. Dennoch: kein Grund zur Traurigkeit. Feuertaufe bestanden. Und das unter verschärften Bedingungen.

Hinnüber und Haberstroh mögen zeitweise richtig Blut und Wasser geschwitzt haben. Denn was nur Eingeweihte wussten: Die Kölsche Gesangsgruppe „Tommy & die Butterflys“ steckten nachmittags im Stau fest. Der Seniorenkarneval am Nachmittag musste eine Stunde lang mit Reden und Tanzeinlagen überbrückt werden, bis die Jungs dann doch noch in letzter Sekunde auftraten - um dann aber abends, gestärkt mit einem westfälischen Schnitzel, um so mehr rheinischen Frohsinn zu versprühen.

Kommt er oder kommt er nicht: der Top-Act, der die Narren bekanntlich einheizen soll, bevor der neue Prinz kütt. In diesem Fall Udo Jürgens Imitator Andy Rühl. Der steckte zwar nicht im Stau fest, ihm ging aber sein Auto kaputt.

Noch im Zeitrahmen der Prinzenproklamation saß er dann aber um halb elf am schwarzen Flügel im Rampenlicht. Die Narren, zu diesem Zeitpunkt ohnehin in bester Stimmung, schickte der schmucke Andy erst einmal wieder auf ihre Plätze. Der Grund: Eigene, leise Interpretationen, die mehr zu einem Konzertsaal als zu einer Narren-Hochburg passten. Erst mit dem Dessert „Aber bitte mit Sahne“ und einem anschließenden Udo-Jürgens-Medley, tanzten, schunkelten und klatschten die Narren fröhlich in den Gängen zwischen den Tischen.

Höhepunkt der Prinzenproklamation blieben dieses Mal die Eigengewächse: Feurig, spritzig, mexikanisch, lieb schnurrend wie ein Kätzchen, mal sportlich akrobatisch, dann wieder wie der Fisch Nemo im Wasser - die Tanzgarden heimsten stehende Ovationen ein. Das Publikum ließ sie nicht ohne Zugaben ziehen. Hüpfer, Flöckchen und Großes WaKaGe-Ballett zeigten den Gästen, unter ihnen Bürgermeister Jochen Walter, LWL-Direktor Dr. Wolfgang Kirsch, Landrat Dr. Olaf Gericke, CDU-Bundestagsabgeordneter Reinhold Sendker, Fregattenkapitän Joachim Kölling (Sportschule der Bundeswehr), was sie in den letzten Monaten mit ihren Trainerinnen einstudiert hatten.

Die Lokalpolitik und ihre Folgen für den Verkehr, die Parkplätze, die Einkaufsstadt, die Kirchenfusion und das geplante Café am Emssee wurden locker lästernd von Bernd Wiese und Volker Frohne als „Bännat und Volli“ unter die Lupe genommen. Sie sind mittlerweile eine feste Größe im Warendorfer Karneval. Dass beide nicht nur mit spitzer Zunge umgehen, sondern auch singen können, stellten sie eindrucksvoll in Anlehnung an die Vogelhochzeit unter Beweis: „Der Haberstroh, der Haberstroh, der ist ein Laberfloh. Fiderallala, Fiderallala, Fiderallalalala...

Dass ein Teil Warendorfs an das durch die Mauer geteilte Berlin vor 20 Jahren erinnere, führte das Lokalduo auf den Lärmschutzwall am Zurstraßenweg zurück. Sie forderten: „Die Mauer des Grauens muss weg.“

Der heimliche Höhepunkt neben der Proklamation des neuen Prinzen war der Abscheid des alten. Minuten lange stehende Ovationen begleiteten den scheidenden Karnevalsprinzen Peter I. Steinkamp aus seinem Amt. Sichtlich bewegt, Tränen liefen über sein Gesicht, bedankte er sich bei seinem Narrenvolk und vor allem bei seiner Ehefraue Susanne für eine wunderschöne Session. Und während ihm Kette, Umhang und Federschmuck abgekommen wurde, hatte der Ex-Prinz noch eine Überraschung für seine Prinzessin parat: Er hing ihr eine Kette mit dem Schriftzug „Dein Prinz“ um den Hals. Klare Sache: Karneval ist Herzensangelegenheit.

Und hatte sich Bayern-Fan Peter Steinkamp in seiner Prinzenrolle gefühlt wie Olli Kahn beim Feiern mit der Meisterschale, erwiderte WaKaGe-Präsident Markus Hinnüber am Samstagnacht: „Jetzt weiß ich, wie Bayern-Präsident Uli Hoeneß sich fühlen muss, wenn er so einen Titan in seiner Mannschaft hat.“

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