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Jörg Röhl sucht eine Herberge

(K)ein Leben im Wohnwagen

Jörg Homering

NEUENKIRCHEN. Jörg Röhl sucht eine Herberge. Er ist 53, das Leben hat ihn durchgekaut und ausgespuckt. Gelandet ist er in einem Wohnwagen auf der Wiese neben dem alten Bahnhof. Zehn zugige Quadratmeter nennt Jörg Röhl sein Zuhause, vor der Tür ist es matschig, denn es hat in der Nacht geschneit. Innen ein schmales Bett, ein Klappstuhl, Mülltüten, karges Kochgeschirr, Putzmittelflaschen. Die Lampe kaputt, aber Strom gibt es sowieso nicht. Fließend Wasser auch nicht, das kommt aus Mineralwasserflaschen, die Jörg Röhl am Friedhof kostenlos auffüllt. Und aufs Klo geht er neben der Sparkasse; die öffentliche Toilette ist einen halben Kilometer entfernt. Wenigstens Gas für die Campingheizung hat Jörg Röhl, in dem Wohnwagen ist es leidlich warm.

Jörg Röhl hatte eine Herberge. Wie jedes Kind. Aber seine Eltern, eine Engländerin und ein Amerikaner, wollten ihn nicht. Geboren in Paderborn, kam Jörg Röhl mit zwei Jahren nach Lengerich in eine Pflegefamilie. Freigegeben zur Adoption.

Jörg Röhl hatte eine Herberge. Seinen Adoptivvater liebte er, bis heute hält er große Stücke auf ihn. Sein Adoptivvater war Landwirt, hatte Felder, Vieh - aber wenig Geld. Schon mit sieben Jahren musste Jörg Röhl mithelfen, das Vieh versorgen, die Äcker pflügen. Die Schule blieb dabei auf der Strecke. Schon mit sieben Jahren bekam Jörg Röhl gegen brennenden Durst auf staubigem Acker sein erstes Bier vom Adoptivvater. Heute ist Jörg Röhl alkoholkrank.

Jörg Röhl hatte eine Herberge. Aber die zerbrach. Seine Adoptivmutter hing an der Flasche, deren Tochter hasste ihn. Und dann starb der Adoptivvater, „am 28. April 1977 um 2.13 Uhr“. Daran kann sich Jörg Röhl noch ganz genau erinnern. Von da an ging es bergab. Er versuchte, als 19-Jähriger den Hof zu halten - vergeblich. Jörg Röhl musste verkaufen, seine Adoptivmutter und deren Tochter strichen das Geld ein. Ihm blieb nur ein Haufen Schulden.

Jörg Röhl schuf sich eine neue Herberge, heiratete, mietete eine Diskothek in Lengerich. Doch einer dort, „der konnte nicht die Finger von meiner Frau lassen“. Mit dem prügelte sich Jörg Röhl. „Körperverletzung mit Todesfolge“, hieß es später vor Gericht. Jörg Röhl wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Frau verlor er, sie starb an einem Herzinfarkt.

Jörg Röhl hatte eine Herberge, erst in Rheine, dann in Neuenkirchen an der Dallwand, nach guter Führung rehabilitiert. Dorthin zog er vor 15 Jahren. In Rheine hatte er eine Freundin, aber diese Beziehung ging in die Brüche. In Neuenkirchen heiratete Jörg Röhl später seine Birgit, die er noch immer abgöttisch liebt. „Sie ist am 31. März 2007 um 6.33 Uhr gestorben.“ Daran kann sich Jörg Röhl noch ganz genau erinnern, mit Tränen in den Augen. Von da an ging es wieder bergab.

Jörg Röhl wurde krank, „nach meinem Bandscheibenvorfall hat mich der Arzt kaputtgeschrieben“. Hinzu kam ein Tumor am Ohr, seitdem hört Jörg Röhl auf der linken Seite nicht mehr. Die Arbeit war weg, die Alkoholtherapie klappte nicht, die gerichtlich verordnete Betreuung war nichts für ihn. Trost suchte Jörg Röhl wieder im Alkohol. „Das hat mich immer tiefer in die Scheiße geritten“, sagt er. Falsche Freunde kamen dazu, Trinkgelage sorgten für Ärger. Die Vermieter von auswärts klagten ihn aus der Wohnung an der Dallwand. Er zahlte zwar seine Miete, aber vor Gericht hatte Jörg Röhl keinen Erfolg - und warf entnervt das Handtuch. „Flatter, Adler, Jet“, nennt Jörg Röhl seinen Abschied aus seiner Herberge. Das war im März 2011.

Jörg Röhl suchte eine Herberge. Aber er wurde überall abgelehnt. Auf der Straße leben wollte er nicht. Vom letzten Geld kaufte er sich von einem Kumpel einen alten Wohnwagen auf dem Campingplatz am Offlumer See. Frühmorgens ging Jörg Röhl nun durch die Straßen, fand anhand der dunklen Fenster leere Wohnungen, bewarb sich - aussichtslos. Er malte Flyer, legte sie aus, klebte sie an Bäume: „Wohnung gesucht!“ - vergeblich.

Jörg Röhl hatte am Offlumer See eine Herberge. Aber die Kumpel waren schon oft ein Problem für Jörg Röhl. Lärm und Trinkgelage ließen dem Camping-Verpächter im Juli keine andere Wahl, als Jörg Röhl rauszuwerfen. Er nahm Kontakt zum Sozialamt auf, zum Sozialbüro St. Anna mit Pastor Langenfeld und Schwester Giselhild. Diakon Guido Seidensticker kümmert sich seitdem um Jörg Röhl. Sie alle suchen für ihn eine Herberge. „Ich kann auch meine Miete zahlen und halte mich an Spielregeln“, verspricht Jörg Röhl. Aber es fehlt an Sozialwohnungen. Und wohl auch an Mut.

Jörg Röhl suchte eine Herberge. Drei Monate wurden er und sein Wohnwagen auf einem privaten Stellplatz freundlich geduldet, jetzt steht er mit Billigung der Gemeinde auf der Wiese neben dem Aldi. „Zum Waschen gehe ich immer in den Offlumer See, auch im Winter“, sagt Jörg Röhl. „Da kommt von Naarmann immer warmes Wasser aus einem Rohr, kein Problem.“ Wieder eine Wohnung, das wäre was. „Aber in Neuenkirchen!“, sagt Jörg Röhl. „Denn hier liegt meine Birgit begraben.“ Das Grab auf dem Neuenkirchener Friedhof ist immer tipptop gepflegt.

Jörg Röhl sucht eine Herberge. Wie Maria und Josef, damals in Bethlehem. Aber zu Weihnachten will Jörg Röhl allein sein. „Ich habe zwei Einladungen“, sagt er mit Stolz und dreht sich eine Zigarette. „Aber an Weihnachten will ich keine Familie stören. Da bleibe ich lieber in meinem Kasten.“

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