1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Kein Zufall

  6. >

Kein Zufall

Der Bundestag entscheidet Anfang Oktober über eine Verlängerung des Bundeswehrmandats in Afghanistan. In Zeiten modernster Kommunikationstechnologien verfügen auch Rebellenführer am Hindukusch über diese Information – und deshalb ist die Massierung...

wn

Der Bundestag entscheidet Anfang Oktober über eine Verlängerung des Bundeswehrmandats in Afghanistan. In Zeiten modernster Kommunikationstechnologien verfügen auch Rebellenführer am Hindukusch über diese Information – und deshalb ist die Massierung der Angriffe auf deutsche Soldaten in den vergangenen Wochen weder überraschend noch zufällig. Der Blick zurück zeigt, dass die Taliban diese Strategie immer wieder im Vorfeld einer deutsche Parlamentsentscheidung verwendet haben. Wer jetzt also reflexartig den Rückzug aus der gefährlichen Region fordert, fällt auf ihre Strategie herein.

Eine grundsätzlich falsche Haltung. Denn ohne die Unterstützung des Westens würde die – sicherlich in mancher Hinsicht auch fragwürdige – Regierung von Hamid Karsai scheitern. Eine Rückkehr der radikal-islamistischen Taliban an die Macht wäre ein politischer GAU – Afghanistan würde zur Festung der Terroristen. Auch die Vorstellung, durch Abzug der Soldaten, Stillhalten und festes Schließen der Augen diese Terroristen nicht auf die Bundesrepublik aufmerksam zu machen, ist ein völlig falscher Ansatz. Denn die Realität zeigt, dass Deutschland zwar noch kein Ziel, aber längst ein Operations- und Rückzugsfeld der Islamisten geworden ist.

Zweifellos hat sich die Sicherheitslage am Hindukusch in diesem Jahr erneut verschärft. Besonders Angriffe mit Sprengfallen haben zugenommen. Weitere Opfer sind nicht auszuschließen – eine Feststellung, die zynisch oder vielleicht lakonisch klingt, aber bittere Wahrheit ist. Der Westen hat in der aktuellen Situation eigentlich nur die Option, seine Soldaten mit der technisch besten Ausrüstung zu versehen, um dem selbst gesteckten Ziel des afghanischen Wiederaufbaus gerecht zu werden. Das ist längst nicht der Fall.

Viel schwieriger ist ein anderer Punkt, der dem Erfolg der Isaf-Mission im Wege steht: die Regierung in Kabul. Hinter vorgehaltener Hand bestätigen westliche Politiker, dass der Bruder von Hamid Karsai eine lenkende Hand im afghanischen Drogenhandel ist. Wenig wird auch dem Vorwurf widersprochen, dass wesentliche Gelder des Westens in den Taschen der Warlords verschwinden. Korruption ist offensichtlich an der Tagesordnung. Mit solchen „Partnern“ lässt sich aber nur schwer ein solides politisches Fundament bauen.

Dorle Neumann

Startseite