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Gespräch mit Panikforscher Prof. Dr. Arolt

Keine Massenpanik in Japan – aber warum nicht?

wn

Münster – Für europäische Korrespondenten und Beobachter ist die Lage in Japan eine Ausnahmesituation. Und die Lage ist ungewöhnlich. Ungewöhnlich ruhig. Nach der durch ein Seebeben ausgelösten Brandkatastrophe in den japanischen Atomanlagen Fukushima I und II sowie den Anlagen von Onagawa und Tokai ist die Bevölkerung vor allem eines: diszipliniert und besonnen. Kein Exodus in weit entfernte Regionen, keine Massenpanik. Aber warum ist das so? „Ich finde es erstaunlich, mit welcher Ruhe und Disziplin die Menschen in Japan diese Katastrophe tragen“, sagt der münsterische Panikforscher am Universitätsklinikum (UKM), Professor Dr. Volker Arolt, der sich in der weltweit größten Studie mit den Ursachen und Folgen von Panikerkrankungen beschäftigt. Er rechnet damit, dass in dieser Krise die Zahl von Angst-Erkrankungen sprunghaft ansteigen wird. Schließlich sind die Auswirkungen der Flutkatastrophe ebenso gravierend für die Lebenswirklichkeit der Japaner wie auch vor allem die langfristigen Folgen der Störfälle in den betroffenen Atommeilern. Aber wieso läuft derzeit alles in scheinbar geordneten Bahnen ab? „Der Zwang zur sozialen Anpassung ist in Japan extrem hoch“, erläutert der münsterische Panikforscher, „das liegt vor allem auch am für unsere Verhältnisse eigenartigen Erziehungssystem in Japan. Bis zum Alter von zwei Jahren dürfen die Kinder dort praktisch alles. Aber dann werden sie strikten Regeln und rigider Disziplin unterworfen. Das könnte ein Grund dafür sein, dass auch nach dieser Katastrophe alles ruhig abläuft und es keinerlei Anzeichen von Unruhe in der Bevölkerung gibt“. Was aber passiert, wenn es doch noch zu einer Massenpanik in einer der am dichtesten besiedelten Regionen der Erde kommen sollte? „Das ist ein Prozess, der in vielen Menschen gleichzeitig stattfindet. Wie bei der Loveparade oder einem Polizeieinsatz“, verdeutlicht Professor Arolt und ergänzt: „Die Angst ist sofort da und sie ist sehr stark. Angst ist ansteckend, ähnlich wie Lachen oder Gähnen. Wenn dieses Phänomen der sogenannten sozialen Ansteckung in Japan eintritt, dann könnte die Stimmung spontan kippen. Ein Exodus Richtung Süden hätte dann wiederum unübersehbare Folgen für das Land und seine Stabilität.“ Trotzdem stochert auch der renommierte Wissenschaftler und Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKM ebenfalls noch im Nebel der Ungewissheit, was die möglichen Auswirkungen der Katastrophe angeht. Seine Worte sind aber keine gute Prognose: „Wenn sich die Situation zuspitzt, dann dürfte auch die Reaktion der Bevölkerung heftiger werden, als wir uns das derzeit vorstellen können.“

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