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Papstbesuch

Kirchenvertreter rufen zum gemeinsamen Glaubenszeugnis auf

wn

Erfurt - Die Sensation fand nicht statt. Niemand hatte sie ernsthaft erwartet. Dennoch wird das Treffen des Papstes mit den Spitzenvertretern der Evangelischen Kirche in Deutschland im Erfurter Augustinerkloster als ein wichtiger Markstein in die Kirchengeschichte eingehen.

Als Benedikt XVI. und Präses Nikolaus Schneider während des Wortgottesdienstes in der Klosterkirche den Bruderkuss andeuteten, wirkte das zwar etwas steif und unbeholfen, doch symbolisierte diese Nähe eine ökumenische Entwicklung, die vor 40 oder 50 Jahren in dieser Form niemand für möglich gehalten hätte. Dass überhaupt ein Papst an eine Luther-Stätte reisen würde, galt früher als undenkbar.

Der Papst brachte allerdings kein konkretes ökumenisches Gastgeschenk mit. Dies hätte zum Beispiel ein Wort zum gemeinsamen Abendmahl oder zu seelsorglichen Fragen bei konfessionsverschiedenen Ehen sein können.

Benedikt ging einen anderen Weg, eben seinen Weg: Der Glaube sei nicht etwas, was „wir ausdenken oder aushandeln“, sagte er. Zentraler Satz des Papstes beim Ökumenischen Gottesdienst: „Nicht durch Abwägen von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken in den Glauben wächst die Einheit.“

Auf diesem Feld sei in den vergangenen 50 Jahren schon viel gewachsen, lobte der Papst und dankte ausdrücklich Kardinal Karl Lehmann und dem evangelischen Bischof Eduard Lohse.

Als gemeinsame Herausforderung der großen Kirchen sieht der Papst es an, der allgemeinen Verdunstung des Glaubens in der westlichen Welt und den in vielen armen Ländern hervorsprießenden christlichen Sekten mit ihrer „manchmal beängstigenden missionarischen Dynamik“ entgegenzuwirken. Zugleich erinnerte der Papst an die gemeinsame zentrale Aufgabe, das Leben „von der Empfängnis bis zum Tod“ zu schützen.

Konkrete Probleme des Glaubensalltags sprach Präses Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, an und hatte bei der Begrüßung im Kapitelsaal des Augustinerklosters die konfessionsverbindenden Familien im Blick: „Für uns alle wäre es ein Segen, ihnen in absehbarer Zeit eine von Einschränkungen freiere eucharistische Gemeinschaft zu ermöglichen.“

Schneider lud den Papst und die Katholische Kirche insgesamt zur 500-Jahr-Feier der Reformation 2017 ein. Es werde nicht in „triumphalistischer Großspurigkeit“ gefeiert: „Vielmehr laden wir alle Christenmenschen ein, sich gemeinsam mit uns darüber zu freuen, dass Gott der ganzen Kirche eine starke Theologie der Gewissheit in Zeiten höchster Verunsicherung geschenkt und für die ganze Christenheit in den letzten 500 Jahren lebendig gehalten hat.“

Beide Delegationen - auf katholischer Seite auffallend bischofs- und kurienzentriert und leider ohne Vertreter der aktuellen universitären Ökumene-Forschung - würdigten das Maß der erreichten Gemeinsamkeit. Zumal der Papst in seiner zentralen Ansprache Luther und seine Frage nach einem „gnädigen Gott“ ausführlich gewürdigt hatte: „Diese brennende Frage Martin Luthers muss wieder neu und gewiss in neuer Form auch unsere Frage werden!“

Es war ein sonniger Frühherbsttag in Erfurt. Passend zur freundlichen interkonfessionellen Stimmung und passend zu diesem historischen Ereignis, das es in dieser Form vermutlich viele Jahre nicht mehr geben wird.

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