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IVZ-Lokalfenster - Tecklenburger Land

Knisternde Spannung und Schweigen in der Kirche

wn

Von Norbert Hecker

Steinbeck. Sparsam in den theatralischen Mitteln und überzeugend vielgestaltig in der szenischen Darstellung machte die Verteidigungsrede des Judas, das Ein-Personen-Stück von Walter Jens am Sonntagnachmittag in der Steinbecker Kirche, nachdenklich. Die knisterndes Spannung und das betretene Schweigen des gut 100-köpfigen Publikums lag in dem wirklich überzeugenden Spiel des Alleindarstellers Sebastian Aperdannier. Sparsame tiefe Gesten, konzentrierteste Stimmführung und symbolschwere Bewegungen bestimmten sein Spiel.

Judas muss sich gegen die fest gefügten Vorurteile erst einmal wehren. Jeder weiß seit Jahrhunderten, dass er der Verräter ist. Dagegen setzt Walter Jens den Judas, der sich in göttlichem Heilsauftrag sieht. Wie wären die Christen denn heute erlöst, hätte nicht Judas die Soldaten zu Jesus geführt? Dank habe er verdient, weil er zu seinem Auftrag Ja gesagt hätte! Gerade diesen ganz anderen Judas inszeniert Sebastian Aperdannier nicht laut, nicht rechthaberisch, er spielt ihn wirklich Sympathie heischend überzeugend.

Judas gilt als der Jude, der Inbegriff der Schacherer! Auch dies Vorurteil wird thematisiert. Aus einem dickleibigen Buch liest der Mime, was Luther über Judas geschrieben hat. Da wird gerade in der Intensität der Auseinandersetzung mit dem reinen Wortlaut des Zitates das christlich-jüdische Verhältnis vieler Jahrhunderte deutlich. Gerade hier bleibt Aperdannier eindrucksvoll auf dem schmalen Grat zwischen intensiv gestaltetem Spiel und überzogener Geste. Diese Fragen müssen sich Christen heute gefallen lassen, auch angesichts der Diskussion über die Karfreitagsfürbitten.

Der eine kleine Scheinwerfer, der soeben stärker war als das Licht- und Schattenspiel der Kirchenlampen, der ein ruhiges und gleichmäßiges Licht auf den Schauspieler warf, projezierte noch ein zweites Bild großer Schatten auf die Wand an der linken Chorraumseite. Diese Projektion machte für alle rechts im Schiff Sitzenden das Spiel des unstet agierenden Judas und des stumm ruhig dastehenden Kreuzes noch eindrucksvoller. Es waren gerade die kleinen Dinge, die die knisternde Spannung und das betretene Schweigen dieses Schauspiels begründeten. Ein ganz neuer Zugang zu der Leidensgeschichte Jesu, ein gelungener Auftakt für die Karwoche. Und dieses Judas-Stück braucht den Kirchenraum.

Dass der Schauspieler, der hier zum 118. Mal in dem Ein-Personen-Stück auftrat, zwei Musiker mitgebracht hatte, half den Zuschauern sehr. Die Klezmer-Musik mit Burkhard Schäfer (C- und F-Flöte) und Christian Wiedemann (Klarinette) half, sich in das geistliche Spiel hineinzufinden. Hildegard Witthacke, die für die kfd diese Gemeinschaftsveranstaltung der KAB und der Kolping-Familie organisiert hatte, bedankte sich bei dem Schauspieler.

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