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Koloraturen auf dem Panzer

Hans Gerhold

Während der sechsminütigen Ouvertüre von Kenneth Branaghs Filmversion zu Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ gleitet, schwenkt und fliegt die Scope-Kamera in einer auch dank digitaler Techniken ungeschnittenen Einstellung über eine idyllische Landschaft und durch Schützengräben, in denen wenig später Captain Tamino (Joseph Kaiser) verwundet wird.

Geht das? Mozarts/Schikaneders Oper im Ersten Weltkrieg? Kein Sakrileg, es geht. Wie, das zeigt Regisseur Kenneth Branagh in seiner emiment filmischen Version klassischen Hörguts, das er vom Ballast heute eher befremdlich wirkender Freimaurerei und ägyptischer Fantasy-Welten befreit, ohne die humanistisch-pazifistischen Anliegen der Vorlage zu opfern.

Bei Branagh sind die drei Damen, Spioninnen und Botschafterinnen der Königin der Nacht, eben Krankenschwestern, ist Vogelfänger Papageno (Ben Davis) ein Soldat, der seinen Frust über fünfjährige Fraulosigkeit mit Bier betäubt, und Sarastro (René Pape) ist nicht allein Herr der heiligen Hallen, sondern Kommandeur und Oberarzt in einem gigantischen Feldlazarett. Das Schicksal der Menschheit hängt davon ab, ob die Liebenden Tamino (Joseph Kaiser) und Pamina (Amy Carson) zusammenfinden und die Prüfung durch die Elemente bestehen, damit Friede auf Erden herrsche.

Über die Mozart-Melodien (musikalischer Leiter: James Conlon) muss man nichts sagen; vielmehr gilt es, Branagh an einem illustren Vorgänger zu messen, am 2007 verstorbenen Ingmar Bergman, der 1974 eine Theateraufführung inszenierte und filmte, die – der alte Schwede möge verzeihen – Operntheater mit minimalen filmischen Mitteln war. Nach wie vor schön. Ebenso legitim ist Branaghs Ansatz, für die Mozart-Oper einen filmischen Bildersturm zu entfesseln, der die Töne nicht verrät, sondern ihnen neue Deutungsmöglichkeiten offeriert.

Da spielen Pamina und Papageno verdächtig oft mit den über ihren Köpfe geknüpften Schlingen; da schmettert die Königin der Nacht (Lyubov Petrova) von einem über das Schlachtfeld rollenden Panzer aus ihre Koloraturen; da fliegt Papageno im Liebesrausch auf riesige Lippen, die Salvador Dali auf der Mozart-Wiese vergessen hat.

Branagh und Stephen Fry adaptierten das Libretto und schrieben das Drehbuch, das wegen des neuen Weltkrieg-Hintergrunds kleine Änderungen im Text erforderte, die nicht stören. Gesungen wird in englischer Sprache. Opernfreunde kennen „Die Zauberflöte“ auswendig, sollten sich also nicht daran stören, sondern die Bilderstürme Branaghs genießen: „Zum Ziele führt dich diese Bahn.“

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