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Filmrezensionen

„Kommissar Bellamy“: Mit einer Nase für Trüffel und Täter

Gérard Depardieu ist inzwischen ein derartiger Koloss geworden, dass sein Kopf so groß ist wie der gesamte Oberkörper seiner Filmgattin (Marie Bunel), auf dem er sein Haupt als „Kommissar Bellamy“ in einer Szene bettet...

Hans Gerhold

Gérard Depardieu ist inzwischen ein derartiger Koloss geworden, dass sein Kopf so groß ist wie der gesamte Oberkörper seiner Filmgattin (Marie Bunel), auf dem er sein Haupt als „Kommissar Bellamy“ in einer Szene bettet. Ihn in ihrer ersten gemeinsamen Arbeit lautmalerisch nach einer berühmten Figur von Guy de Maupassant zu nennen, ist einer der hübschen Einfälle von Altmeister Claude Chabrol in seinem 58. Film, einem doppelbödigen Psychothriller zwischen Mord und Familientragödie.

Der ehemalige Pariser Polizeichef Bellamy verbringt mit seiner wesentlich jüngeren Frau die Ferien in der Nähe von Nimes, wo er es sich im Liegestuhl bequem macht, während sie von einer Kreuzfahrt auf dem Nil träumt. Eine nur allzu reale köstliche Ausgangssituation. Als ein Fremder, der seit Tagen ums Grundstück schleicht, anruft und Bellamy ins Hotel bestellt, kommt die Kriminalgeschichte etwas behäbig, aber gediegen in Fahrt.

Der Fremde (Jacques Gamblin), der sich als Noel Gentil (noch so ein sprechender Name) ausgibt, behauptet, er habe einen Obdachlosen umgebracht, um Schulden loszuwerden und mit der Geliebten ein neues Leben anzufangen. Die Rückblenden scheinen Noels Geschichte zu bestätigen, zumal sein Plan nicht aufging. Bel­lamys Instinkt erwacht, führt ihn in die Abgründe der Provinzpsyche, wie man sie aus Chabrol-Filmen und Romanen von Georges Simenon kennt, dem Reverenz erwiesen wird.

Interessanter als Mord und Versicherungsbetrug ist der zweite Strang der Handlung. Bellamys Halbbruder Jacques (Clovis Cornillac) taucht auf, als Trinker, Spieler, Abenteurer und Dieb absolutes Gegenteil des Kommissars und Grund für dessen wachsende Eifersucht. Bald hängt der Haussegen schief, und Bellamy muss sich der eigenen tragischen Familiengeschichte, die in der Kindheit wurzelt, stellen.

Die Verknüpfung der Geschichten geht nicht immer auf, aber das wiegt wenig angesichts eines formidablen Schauspielerfilms, in dem Gamblin drei Rollen spielt, Cornillac große Klasse ist und Depardieu als Schnüffler mit einer Nase für Trüffel und Täter in jener schwerelosen Massigkeit auftritt, die ihn als Frankreichs Kino-Titan bestätigt.

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