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Aus Frankreich berichtet unser Sportredakteur Alexander Heflik

Kräftemessen am Platzerwasel – wackelt Spitzenreiter Nocentini?

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Vittel - Die Zeit der Zurückhaltung ist vorbei. Nun, nachdem die dritte Woche bei der 96. Tour de France begonnen hat, begeben sich nicht nur die Favoriten, sondern alle noch rund 160 verbliebenen Fahrer in gefährliches Terrain. Und nicht jeder geht auf der 13. Etappe in Vittel mit einem guten Gefühl an den Start, nicht nur, weil ein ruppiger Ritt durch den Vogesen bis nach Colmar auf dem Programm steht. Er wird garniert von Kälte auf den Passhöhen, Regen und starkem Gegenwind.

Denn Donnerstag erwischte es einige Favoriten auf einen Spitzenplatz. Cadel Evans und Levi Leipheimer waren in Stürze verwickelt. Kein gutes Omen, wenn 200 km gefahren werden müssen. Dabei stehen solch nett klingende Berge, die aber alles von den Fahrern abverlangen, wie der Col de la Schlucht (1139 m) und de Col du Platzerwasel (1193 m) auf dem Programm.

„Die großen Entscheidungen fallen noch nicht, aber einige werden Zeit verlieren“, glaubt Lance Armstrong, momentan mit acht Sekunden Rückstand auf Rinaldo Nocentini Dritter im Klassement. Nur zwei Sekunden trennen Armstrong vom zweitplatzierten Alberto Contador. Angeblich soll es zwischen den Teamrivalen von der Equipe Astana ein Stillhalteabkommen bis zu den Alpenetappen geben. Man kann es kaum glauben.

Gerade Evans würde heute gerne etwas von dem Drei-Minuten-Rückstand gutmachen. Er bläst zur Attacke, Sturz hin oder her. Ihm werden die Schleck-Brüder aus Luxemburg folgen. Möglicherweise hat auch Tony Martin die Finger im Spiel. Der Eschborner fährt aufs Gesamtklassement und möchte das Weiße Trikot des besten Fahrers unter 25 Jahren nach Paris bringen. Aber auch andere haben diesen Tag auf der Rechnung, vor allem der zweifache Deutsche Meister Fabian Wegmann, der im Training die Etappe abgefahren ist. Oder David Millar, der in Barcelona eine Soloflucht gewagt hatte.

Die Vogesen-Etappen bei der Tour de France haben eine gewisse Vorgeschichte. Raymond Poulidor und Luis Ocana verloren in diesem Mittelgebirge in den 60er Jahren schon das Rennen. Eddy Merckx dagegen zementierte 1969 an den steilen Anstiegen seinen ersten Tour-Sieg. Jan Ullrich wäre an gleicher Stelle 1997 fast gescheitert. „Quäl dich du Sau“, blaffte ihn sein Helfer Udo Bölts an, als die Konkurrenz um Richard Virenque enteilte. Angeblich soll sich der Franzose aber nicht mit seinen Fluchtkumpanen einigen können, was diese bekommen würden, wenn sie Ullrich über sechs Minuten bis zum Ziel distanzieren würden. Am Ende gewann Ullrich die Tour de France.

Aber auch Lance Armstrong hat so seine Erfahrungen mit den Vogesen. Als er 2005 seinen siebten Tour-Erfolg ansteuerte, war er auf der 9. Etappe nach Geradmer von seinen Teamkollegen verlassen. Damals überstand er den Schlussanstieg über den Col de la Schlucht nur mit viel Glück. Es dürfte einiges passieren auf den heutigen 200 km, Rinaldo Nocentini wird sein Gelbes Trikot am Ende des Tages wohl los sein.

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