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Hör mal

Krötensuppe ist gut fürs Sprechen

Günter Benning

Münster - Igitt, es gibt Krötensuppe. Noeme verzieht das Gesicht: „Krötensuppe“, wiederholt sie. Und die Logopädin Steffi Brinkheetker betont das Wort noch einmal ganz deutlich: „Leckere Hexensuppe aus Kröten, die darfst du essen.“

Nur gut, dass diese Suppe einem guten Zweck dient: Spielerisch soll sie Noemes Aussprache verbessern. Die Fünfjährige ist seit ihrer Geburt fast taub. Nur mit modernen Cochlea-Implantaten im Innenohr kann sie hören. Und ohne ständiges Training könnte sie solche Worte wie „Krötensuppe“ bestimmt nicht aussprechen.

Ortstermin in der Uni-Klinik für Pädaudiologie (Kinderhörkunde) in Münster. Noeme Kassner und ihre Mutter Hedwig sind zu umfangreichen Tests geladen. Der kleine Blondschopf leidet an einer Stoffwechselkrankheit. Noemes Muskulatur ist so schwach, dass sie keine Treppen steigen kann. Sie kommt im Rollstuhl. Dass sie auch nicht hören kann, wurde erst im Alter von einem Jahr erkannt. Spät, sehr spät, sagt Logopädin Brinkheetker, „je früher gerade behinderte Kinder getestet werden, desto besser können sie später sprechen lernen.“

Trotzdem: Noeme gilt als ein Musterkind. Sie meistert alle Tests mit Bravour. Zum Beispiel das Silbenzählen. „E – le – fant“, sagt sie und klopft den Takt auf einem Tambourin. Ein Sprechtest, wie ihn auch hörende Vorschulkinder machen. Im nächsten Jahr wird die Fünfjährige, die heute den Regelkindergarten besucht, zur Schule kommen.

Die Logopädin ist zufrieden. Jetzt geht es ins Tonlabor. Dort testet Audiometrie-Assistentin Claudia Trelle, was Noeme mit ihrem Cochlea-Implantant – eine Art künstliches Innenohr – hören kann. Sie muss Worte nachsprechen. Auch Zahlen, die sie noch nicht kennt. „96“, sagt sie locker dahin. Erstaunlich: Auch leise hingehauchte Worte versteht sie.

„Sie würde sogar Stecknadeln fallen hören“, erklärt der Physiker Dr. Arne Knief nachher bei der Einstellung des Hörgeräts, „technisch kein Problem.“

Aber praktisch natürlich unerwünscht. Knief checkt jeden Frequenzbereich des Hörgeräts ab. Wichtig ist, dass Noeme nicht jedes Geräusch hört, sondern genau den Bereich, in dem ihre Umgebung spricht. Am besten versteht sie Menschen, die deutlich sprechen. Aber bitte nicht zu laut, denn Lautstärke verzerrt den Ton.

Die Technik ist weit entwickelt, um hörgeschädigten Kindern zu helfen. „Trotzdem kennen viele Eltern die möglichen Hilfsmittel nicht“, sagt Klinikchefin Prof. Dr. Antoinette Am Zehnhoff-Dinessen. Die Krankenkassen übernehmen zudem längst nicht alle Kosten für Hilfsmittel. Hier springt der Verein „Hör mal“ ein, dessen Vorsitzende die Ärztin ist. Künftig soll eine eigene Fachkraft die Früherkennung von Hörschäden gerade bei mehrfach behinderten Kindern verbessern. Ein Ziel, für das der Verein lange gekämpft hat, ist bereits zur Vorschrift geworden. Ab Januar ist ein Hörtest schon bei Neugeborenen Pflicht. Das erhöht die Chance für Kinder wie Noeme, fast so gut hören und sprechen zu lernen wie gesunde Kinder.

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