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Filmrezensionen

Kultiges mit Steppenwitzen

Hans Gerhold

Der letzte Film vom Großmeister amerikanischer Panoramen zeigt Robert Altman in lässiger Form, Stars in Spiellaune, Kameraarbeit zum Niederknien und eine kultige Radioshow mit Toten und Zoten.

Schon der Anfang ist pures Augenschlecken. Zum typischen Off-Kommentar eines Film noir schreitet Kevin Kline in schwebenden Kamerafahrten als angeblicher Detektiv aus einem Diner zu einem Theater, wo er sich als kaum benötigter Sicherheitsoffizier herausstellt. Dort läuft die letzte Live-Sendung der Radioshow „A Prairie Home Companion“ ab, denn an das Theater, aus dem Countrymusik, Bluegrass und Werbespots gesendet werden, legt „Axeman“, ein Mann des Kapitals (Tommy Lee Jones), Hand an, damit auf der Ruine ein Parkhaus erwachse.

Die Radioshow „A Prairie Home Companion“ (auch Originaltitel) gibt es wirklich. Sie wurde 1978 von Garrison Keillor in St. Paul, Minnesota, ins Leben gerufen, wird wöchentlich von 588 Radiostationen gesendet und von Millionen gehört. Keillor schrieb aus den Geschichten seines Lebens sich selbst und den Stars ein Drehbuch nach Maß auf den Leib, würzte es mit Anekdoten und einer 15-minütigen Abfolge von dreckigen Witzen, nach denen man, wenn die alternden Cowboys Woody Harrelson und John C. Reilly sie beendet haben, erschöpft in den Sessel sinkt. Ein Beispiel: „Was entsteht, wenn man Weihwasser und Lebertran mixt?“ – „A religious movement.“

Robert Altman liebt Mythen mit Musik, was diese Nordwest-Version von „Nashville“ belegt, und er inszeniert Keillors Steppenwitze als der Sendungs-Dramaturgie folgende Mischung aus Songs, Sketchen, Dialogduellen auf und hinter der Bühne und als offen nostalgische Hommage an diese Form Populärkultur aus dem Herzen Amerikas.

Ein famoses Vergnügen mit Stars, die verspielt, leichtfüßig, übermütig und gemütlich ihre Show abziehen. So gelangt in eine köstlich jazzige Improvisation über Isolierbandwerbung, deren Text die Assistentin verloren hat, eine biestige Eifersuchtsszene von Meryl Streep als Sängerin, die mal was mit Keillor hatte. Ein Country-Star (L.Q. Jones, Veteran aus Sam-Peckinpah-Western) stirbt, ein schöner reifer Todesengel (Virginia Madsen, „Sideways“) gleitet durchs Theater, ein postpubertärer Teenager (Lindsay Lohan als Streeps Tochter) gefällt sich in Selbstmordlyrik und muss Verantwortung lernen. Einfach wunderbar entspannend und dank der herrlichen ungeschnittenen Plansequenzen der Kamera von Ed Lachman, die das Theater ausforscht wie einen Sesam, auch eine Augenweide. Ein würdiger Abschied. |Cinema

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