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Interview mit Ziska Riemann

Lachen und Weinen liegen nah beieinander

wn

Münster - „Es ist die Suche zweier Mädchen nach Wahrhaftigkeit und nach wahren Gefühlen, denen sich immer wieder die Verlogenheit ihrer Elternhäuser entgegenstellt“. In einem kreativen und dynamischen Mix aus bunt zusammengewürfelten Stilelementen erzählt Franziska Riemann in ihrem Regiedebut Lollipop Monster ein ernsthaftes, teilweise autobiografisches Jugenddrama. Unsere Mitarbeiterin Michaela Staab hat mir ihr gesprochen. Woher kam die Idee? Ziska Riemann: Das Drehbuch davor habe ich mit Lucie zusammen geschrieben. Das Ereignis mit dem Mann im Baum ist uns wirklich passiert. Der Vater einer Klassenkameradin hat sich hinter unserem Schulhof erhängt und das habe ich Lucie mal erzählt und sie konnte sich auch noch daran erinnern, sie ging damals auf die Nachbarschule. Und da kam die Idee, das wir die Situation und die Gefühle der Tochter beschreiben und unsere, beziehungsweise die der Mädchen, die das miterlebt haben. Gibt es viele autobiografische Szenen? Riemann: Es gibt einige wenige nicht autobiografische Szenen, wie den Mord. Aber das meiste ist aus unseren Erinnerung zusammengesetzt. Mal sind es Lucies, mal meine Geschichten, die wir zusammen geschmissen haben. Ich habe mich nicht geritzt aber die Baustelle, auf der die Oona lebt, auf der habe ich wirklich zwei Jahre gelebt. Das war eine alte Bäckerei, da fehlten die Wände, aber meine Eltern hatten nicht das Geld. Im Nachhinein haben alle Zeiten etwas romantisches, ich erinnere mich gerne daran, aber ich weiß, dass ich nicht glücklich war. Wie geht es Ihnen gerade? Riemann: Ich bin müde, habe mich gerade auch erst einmal hingelegt. Ich bin wegen des Films momentan sehr viel unterwegs. Es ist aber ein schöner Stress. Wenn man erst einmal da ist und die leuchtenden Augen der Zuschauer sieht, dann ist das toll. Wie sind die erste Reaktionen? Riemann: Ich habe noch nichts Negatives gehört. Gestern waren ein paar total begeisterte Fans dabei. Einen gab es aber im Publikum, der war sauer. Er meinte, man könnte so eine ernste Geschichte doch nicht so comichaft erzählen. Er hat sich aufgeregt, aber dann zugegeben, dass ihn die Stilistik des Films berührt hat. Scheinbar empfand er es schwierig, dass das Lachen und das Weinen in dem Film so nah beieinander liegt. Das war für mich schon ein merkwürdiger Moment. Wie habe Sie und Lucie van Org sich in die Characktäre eingefühlt? Riemann: Wir kannten ja die Egos und wir kannten ja uns. Deshalb konnten wir uns auch vorstellen, was die andere fühlt. Und die beiden Mädels im Film habe ja auch bestimmte Schemata in denen sie funktioniere. Haben das Gefühl, in ihrer Welt nicht wahrgenommen zu werden und deshalb sucht sich die eine in der Sexualität und die andere im Schmerz und dadurch spüren sie sich und ihre Grenzen. Wie lange war der Weg von der Idee bis zum fertigen Film? Riemann: Sieben Jahre hat der Film gedauert, mit 25 Drehtagen und vielen Monaten für die Computernachbearbeitung. Sie sind Comiczeichnerin, stammen die Grafiken im Film auch von Ihnen? Riemann: Ich habe mit Kohle gezeichnet und eine Freundin hat die dann animiert, Legetricks daraus gemacht. Die Zeichnungen sind parallel zum Film entstanden und manche habe ich vor Ort, beim Dreh gezeichnet. Es gab aber auch den Moment, wo man zu viel gemacht hat. Eine Animation habe ich auch wieder rausgenommen, weil das eine zu viel war. Es sollten ja nur Akzente gesetzt werden. Würde der Film auch ohne die Stilelemente funktionieren? Riemann: Ja, vielleicht, wenn man ihn anders erzählt hätte. Aber ich würde schon sagen, dass er in sich geschlossen ist und eigentlich ist alles auch wohl durchdacht und hat seinen bestimmten Platz im Film. Es sind Bilder, die das Unterbewusste ansprechen, und Momente die was erzählen, was keine andere Sprache kann außer der Grafik. Wer hat die Musik zum Film gemacht? Riemann: Viele unterschiedliche Leute, unter anderem Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten, der hat die Musik der Film-Band gemacht. Das sind alles Freunde aus der Berliner Szene. Mit der Co-Autorin Lucie van Org sind sie lange befreundet. War es eine besondere Herausforderung, die Gefühlswelt von ihr, der Ari im Film, zu beschreiben? Riemann: Ich habe ihr den fertigen Film geschickt und hatte furchtbare Angst, das er ihr nicht gefällt, habe auch richtig gezittert. Irgendwann rief sie mich an, aber ich habe mich nicht getraut, ans Telefonat zu gehen, weil ich Angst hatte, dass sie die Freundschaft beendet. Habe mir später angehört, was sie auf die Mailbox gesprochen hat und sie war so aufgelöst und dankbar und total begeistert und steht auch total hinter dem Film. Was mich total freut, weil ja schon sehr viel Herzblut von uns in dem Film steckt. Was bedeutet Ihnen der Film? Riemann: Momentan geht er mir schon etwas auf die Nerven, weil ich den Film überall sehe Und dann gibt es immer wieder Momente, wo er mich total erwischt, Tränen in den Augen habe und lache. Er ist mir natürlich wahnsinnig wertvoll. Es ist das erste Werk in dem ich alle Sachen, die ich gemacht habe, wie Zeichnen, Musik, Schreiben und Film, vereinen konnte. Es ist schon ein Komplettwerk, wo ich zeigen konnte, was ich kann und wer ich bin. Können Sie von dem Film leben? Riemann: Ne, ich konnte das Jahr während der Drehzeiten davon leben. Aber jetzt muss ich auch weitergucken. Als nächste mache ich etwas für das Russische Goethe-Institut. Ihr Vater ist Puppenspieler. Können sie sich gemeinsame Projekte vorstellen? Riemann: Ich versuche seit Jahren meinen Vater davon zu überzeugen, dass wir einen Puppentrickfilm zusammen machen, aber wir haben noch nicht die richtige Geschichte gefunden.

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