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Kapitel 20

Lena bricht ihr Schweigen

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Der Montag war der Tag, an dem so mancher Telgter nach einem langen Kirmeswochenende seine Wunden lecken musste.

Als er an diesem Morgen erwachte, war der Verband wieder durchgeblutet. So durfte er in keinem Fall zur Arbeit gehen! Er konnte weder scherzhafte noch ernst gemeinte Nachfragen gebrauchen. Vielleicht musste die Schnittwunde, die er sich an der Hand zugezogen hatte, als er mit der Bierflasche zuschlug, ja doch genäht werden? Aber welchem Arzt sollte er sich anvertrauen? Missmutig riss er den schmutzigen Verband herunter.

Sven Horstmüller im Franziskus-Hospital in Münster dagegen bekam von seinen Verletzungen nichts mehr mit, seit er nach einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes gegen 3.50 Uhr am Sonntag von den Ärzten in ein künstliches Koma versetzt worden war. So lag Blut-Svente nun ganz in Weiß wie ein Friedensengel in seinem Krankenhausbett und sagte ausnahmsweise keinen Mucks.

So konnte Kommissarin Jochimsen ihren wichtigen Zeugen natürlich nicht befragen, als sie pünktlich um 6 Uhr am Sonntag im Franziskus-Hospital erschienen war. Dabei war es ihr schwer genug gefallen, nach nur drei Stunden Schlaf wieder aus dem Bett zu krabbeln. Den ganzen Sonntag hatte sie dann stattdessen in Telgte versucht, die Umstände der Schlägerei auf der Mühlenstraße zu ermitteln. Aber es hatte sich niemand finden lassen, der Zeuge der tätlichen Auseinandersetzung geworden, geschweige denn selbst aktiv daran beteiligt war. Es war wie verhext! Gewöhnlich saß die Zunge ziemlich locker, wenn es um solche Dinge wie Schlägereien ging. Die Befragten wetteiferten meist sogar darum, berichten zu dürfen, wie alles angefangen, wer im weiteren Verlauf wem eins übergebraten und vor allem wer die Prügel schon lange verdient hatte. Jetzt aber war es fast so, als habe es nie eine Schlägerei gegeben! Außer dem schwer verletzten Sven Horstmüller und einer blutverschmierten Bierflasche ohne Hals gab es keine Hinweise. Und Horstmüller lag vernehmungsunfähig auf der Intensivstation, der Rest der Bierflasche in der Warteschleife der Kriminaltechnischen Untersuchung.

Ein völlig verschenkter Sonntag lag also hinter Karin Jochimsen, als sie am Montag früh ihren Dienst in Telgte aufnahm, und ihre Laune war so schwarz wie die Asche, die sich vor ihr im Aschenbecher türmte. Gleich würde auch noch Dirks hereinmarschieren und nach seinem freien Kirmessonntag bester Laune sein.

Auch Lena musste an diesem Montag mit einer Verwundung fertig werden. Wie hatte sie sich doch auf die Kirmes gefreut!! Besonders auf das Ponyreiten. Dafür hatte sie extra drei Wochen lang ihr Taschengeld zurückgelegt. Doch dann hatte ihr Vater am Sonntag unbedingt ins Büro gemusst und ihre Mutter keine Lust, mit ihr auf die Kirmes zu gehen. Das Schlimmste war, dass Lenas Eltern ihren Kummer überhaupt nicht verstanden. Ob man auf der Kirmes gewesen war oder nicht, davon hing doch die Welt nicht ab, meinten sie. Niemand verstand sie! Außer vielleicht dieser komische alte Mann mit dem Krückstock.

Zwar wusste Lena noch nicht einmal seinen Namen, und er konnte auch nicht so tolle Rätsel machen wie Suse, Lenas Babysitterin, die hin und wieder kam, wenn die Eltern abends eingeladen waren.

Montags musste Lena immer erst zur dritten Stunde zur Schule, und ihre Eltern waren schon lange aus dem Haus gegangen. Deshalb saß Lena jetzt auf der Bank unter der Kastanie und zwischen den geschlossenen Buden und Karussells. Da saß sie und wartete auf Fritz Meierbrink.

Auch Fritz Meierbrink war in der letzten Zeit nicht unbeschadet geblieben. Seinen Verbandsturban hatte er zwar mittlerweile abgelegt, aber die Schrammen an seinem Selbstwertgefühl als Sherlock Holmes von Telgte saßen tief. Die Sache mit Elsa Feldmann und der Jägerkleidung war ausgesprochen peinlich gewesen. Da hatte er gemeint, der Kommissarin aus Münster die Mörderin präsentieren zu können, aber dann hatte der grüne Rock überhaupt nichts bewiesen. Logisch, dass eine Frau noch ein Kleidungsstück von dem Mann besitzt, mit dem sie verheiratet war. Und dass sie es dann irgendwann entsorgte, wenn sie auch innerlich mit der Beziehung abgeschlossen hatte, machte ebenfalls Sinn. Daraus gleich ein Indiz für einen Mord zu konstruieren war vorschnell und dilettantisch. So hatte sich Fritz Meierbrink in den vergangenen Tagen lieber von der Bildfläche zurückgezogen.

Der zweite Grund für seinen Rückzug war allerdings, dass ihm der Kirmesrummel nicht behagte. Heute wagte er sich zum ersten Mal wieder aus dem Haus. Der Montagmorgen war nämlich eine Zwischenzeit, in der der Telgter Kraft schöpfte für den zweiten Höhepunkt des Mariä-Geburtsfestes, dem Pferde- und Krammarkt am Dienstag. Also war Fritz Meierbrink wieder auf dem Weg zu seiner Bank. Schon von der Ecke Bahnhofstraße/Steinstraße aus sah er, dass dort jemanden saß, und sein Herz machte einen kleinen Hüpfer, der nicht auf altersbedingte Herzprobleme zurückzuführen war. Dieser Jemand war das kleine Mädchen, wie hieß es noch gleich? Ach ja, Lena. Aber diese Lena sah heute ziemlich niedergeschlagen aus.

Fritz Meierbrinks Gedanken begannen sofort um die Frage zu kreisen, was Lena wohl so betrübt haben mochte. Deshalb achtete er nicht auf rechts und links und setzte, ohne zu schauen, zuerst seinen Krückstock und dann den einen Fuß auf das Pflaster der Steinstraße. In dem Moment war das Kreischen von Autoreifen zu hören, die einer Vollbremsung ausgesetzt wurden, und nur wenige Sekunden später ergoss sich ein empörter Wortschwall über Fritz Meierbrink. „Können Sie nicht aufpassen, Sie … Sie …!“ „Alter Trottel, meinen Sie wohl?!“ Fritz Meierbrink war jetzt wieder hellwach und kampflustig wie eh und je. „Ich will Ihnen mal was sagen, junger Mann. Sie dürfen nämlich gar nicht in diesem Tempo durch die Innenstadt rasen. Und wenn Sie trotzdem mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs sind, brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn man Sie nicht kommen sieht.“ Fritz Meierbrink war versucht, zur Unterstützung seiner Worte mit dem Krückstock auf die Motorhaube des Autos zu schlagen, konnte sich aber noch im letzten Moment zusammenreißen. Stattdessen ließ er den verdatterten jungen Fahrer einfach stehen und setzte erhobenen Hauptes seinen Weg über den Marktplatz fort.

Als er bei der Bank angelangte, fand er dort eine Lena, die nicht mehr nur betrübt aussah, sondern einen von Entsetzen verzerrten Gesichtsausdruck zeigte. Fritz Meierbrink zögerte. Lena musste seinen Beinahe-Unfall beobachtet haben. „Ist doch alles gut gegangen!“, meinte er leichthin und ließ sich neben Lena nieder. Aber das Mädchen erwachte nicht aus seinem Entsetzen. Es starrte vor sich hin, als blicke es in weite Ferne, seine Lippen begannen zu zittern, und es murmelte unverständliche Worte.

Fritz Meierbrink wandte sich Lena zu und versuchte zu verstehen, was sie mehr in den leeren Raum hinein als zu ihm sagte. „Der Tom …“ „Der Tom? Wer ist Tom?“, fragte Fritz Meierbrink verwirrt. Ging es gar nicht um ihn? Lena fuhr fort, als hätte sie Fritz Meierbrinks Zwischenfrage nicht gehört. „… ist auch da rüber gegangen. Das war auch ein Montag. Und das Auto, das war auch rot. Und der Mann, der ist auch ausgestiegen. Aber der Tom lag da und hat nichts gesagt. Und der Mann ist wieder eingestiegen und weggefahren.“ Plötzlich dämmerte es Fritz Meierbrink. Lena erzählte von einem anderen Unfall, den sie beobachtet hatte. Und bei diesem Unfall war gar nichts gut gegangen, weder was den Jungen, noch was den Fahrer anbetraf.

„Und was ist dann passiert?“, fragte Fritz Meierbrink. Da erwachte Lena endlich aus ihrer Erstarrung. „Ich, ich …!“ Sie schluckte. „Ich bin weggerannt und hab keinem was erzählt. Tom und ich, wir haben nämlich einen Umweg gemacht. Auf dem Weg zur Schule. Um Schokocroissants zu holen. Das war meine Idee…“ „Und der Mann in dem Auto, was war das für einer?“, fragte Fritz Meierbrink.

Plötzlich dämmerte ihm, welches Ereignis Lena miterlebt hatte: Den tödlichen Unfall eines Jungen mit Fahrerflucht, der vor einiger Zeit groß durch die Zeitung gegangen war. Man hatte den Unfallverursacher nie dingfest machen können.

Lena musste gelitten haben, da sie niemandem mitteilen konnte, was sie beobachtet hatte. Nun war sie endlich bereit zu erzählen, und nun war ihr Redeschwall kaum noch aufzuhalten. „Der Mann bei Tom, der war nicht so jung wie der eben. Der hatte schon ein bisschen graue Haare wie Papa. Und der hatte eine grüne Jacke an. Ich hab den neulich in der Zeitung gesehen. Da war ein Bild von dem, weil er tot ist …“

Fritz Meierbrink wurde es abwechselnd heiß und kalt. Er musste seine Mütze abnehmen, da sich die Schweißtropfen unter dem Schirm sammelten. „Du, Lena“, versuchte er zu unterbrechen. „Was du da gesehen hast, muss die Polizei wissen. Das kennst du doch sicher aus deinen Büchern.“ „Ja“, meinte Lena zögernd. „Ja, aber ich hab den Tom doch zu dem Umweg überredet. Und ich mag die Frau nicht.“ „Welche Frau?“, wollte Fritz Meierbrink wissen. „Diese neue Polizistin. Die guckt immer so böse.“ „Die mag ich auch nicht“, antwortete Fritz Meierbrink. Doch er schwieg sich lieber darüber aus, warum er sie nicht mochte. „Wir brauchen nicht zu dieser Frau zu gehen. Die hat mit dem Unfall damals gar nicht zu tun. Die ist nur wegen dem Mord in den Klatenbergen hier. Wir gehen zu Dirks, dem netten Polizisten. Den kennst du doch sicher?“ „Ja“, bestätigte Lena schwach und machte einen letzten Versuch, dem Gang zur Polizei zu entkommen. „Aber ich muss doch in die Schule.“ „Papperlapapp“, machte Fritz Meierbrink. „Die Schule ist nicht so wichtig.“

Es wurde ihm noch einmal kurz heiß und kalt, als er daran dachte, was seine Mutter dazu gesagt hätte. Aber dann nahm er Lena an die eine Hand und den Krückstock in die andere und machte sich auf den Weg zu Michael Dirks.

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