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Logenplatz für den Artenschutz

Wolfgang Schemann

Es war eine Völkerwanderung wie sie Münster seit den Bundesligazeiten des SC Preußen nicht mehr erlebt hatte: Zigtausende pilgerten am 2. Mai 1974 zur Sentruper Höhe, um bei der Eröffnung des neuen Zoos dabei zu sein. Und es hagelte damals Superlative. Nicht nur vom ersten Allwetterzoo überhaupt war die Rede, sondern auch vom modernsten Zoo der Welt.

Zoodirektor Jörg Adler kann sich noch gut daran erinnern, wie ihm seinerzeit der Neid in die Glieder fuhr, als er – damals noch Veterinäringenieur im Leipziger Zoo – von den münsterischen Plänen erfuhr. „Wir waren begeistert“, sagt er, „und ich habe gedacht: Mensch, so sieht die Zukunft des Tiergartens aus.“ Besonders beeindruckt habe ihn damals das großzügige Eisbären-Gehege – das er gut 20 Jahre später abreißen ließ, nachdem er Zoodirektor in Münster geworden war. Adler: „Die Zoo-Welt hat sich in den letzten 30 Jahren total geändert.“

Das Umdenken, sagt Adler, begann Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Und er macht keinen Hehl daraus, dass auch die Kritik von außen für die Veränderung, die dann in den Zoos vonstatten ging, durchaus hilfreich war.

So konnte es passieren, dass der Allwetterzoo, obwohl gerade mal 30 Jahre alt, schon ziemlich umgekrempelt worden ist – und das vor allem mit dem Ziel, den Lebensraum der Tiere zu verbessern.

Dabei geht es nicht in erster Linie um die Größe der Gehege, wie Adler betont, sondern um Beschäftigung, „Komfort“ und eine der Natur nachempfundene Umgebung. Orang-Utans, so nennt er ein Beispiel, saßen früher in großen und eher sterilen Eisenkugeln bzw. -käfigen. Heute leben sie in Gehegen mit Ästen und Seilen, mit Heu, Rindenmulch und Wasser – und sie leben mit anderen Tieren zusammen, in diesem Falle mit Bartaffen und mit Zwergottern.

Die Zoos haben sich aber auch für die Menschen verändert, die heute ebenfalls eine „naturnahe Gestaltung“ der Anlagen erwarten. Wobei Adler einräumt, dass die Entwicklung nicht immer ganz widerspruchsfrei verläuft. So sei der Trend, Gitter durch Glasscheiben oder Wassergräben zu ersetzen, sicher eher ein Zugeständnis an die Besucher, weil das Gitter in deren Köpfen das Bild vom Gefängnis erzeuge. Den Affen, so Adler, sei aber möglicherweise das Gitter viel lieber, „weil sie darauf herumklettern könnten“.

Ziel der Zoos sei es heute, den Menschen beim Zoobesuch ein „hohes, emotionales Erlebnis“ zu ermöglichen. Der Allwetterzoo setzt dabei darauf, den Besucher auch interaktiv einzubinden, wie Adler betont – etwa bei der Elefantenfütterung, beim Pinguinmarsch oder in den begehbaren Affen-Anlagen.

Die womöglich nachhaltigste Veränderung ist für den Zoodirektor aber der Einzug des Artenschutzes in den Zoos. Münster spiele dabei eine Art Vorreiterrolle. Der Allwetterzoo beherbergt beispielsweise das Büro der bundesweiten Stiftung Artenschutz – und er unterstützt Artenschutzprojekte u.a. in Vietnam und Kambodscha. Der Zoo, so Adler, werde dabei als Vehikel genutzt, um etwas für die Bewahrung der bedrohten Natur zu tun.

Die Veränderung des Allwetterzoos geht weiter. Das nächste Großprojekt auf der Wunschliste des Zoodirektors ist die Umgestaltung und Erweiterung der Elefantenanlage. Aber Geld ist derzeit knapp, auch und gerade im Allwetterzoo. Jörg Adler muss deshalb auch auf unkonventionelle Finanzierungsmethoden hoffen: „Vielleicht bekommen wir ja mal eine Erbschaft?“

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