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Filmrezensionen

„Mahler auf der Couch“: Therapie im Hotelzimmer

Hans Gerhold

Generationen von Cineasten haben ihre ersten Musikerfahrungen mit dem Wiener Genie Gustav Mahler in Luchino Viscontis Meisterwerk „Tod in Venedig“ gemacht, wo speziell das Adagietto aus der fünften Symphonie wahlweise Schwärmerei oder Schwermut auslöste.

Einen dritten Weg gab es bei diesen Tönen nicht. Ganz anders geht „Mahler auf der Couch“ vor: mit verbalem Witz, Ironie und Humor in einem Film, der die Musik nicht vernachlässigt, Es ist die erste Vater-Sohn-Regie von Percy (“Out of Rosenheim“) und Felix Adlon.

Das Regieduo nimmt die verbürgte, aber in Details erfundene Begegnung von Gustav Mahler (Johannes Silberschneider) und Sigmund Freud (Karl Markovics, „Die Fälscher“) zum Anlass, Mahlers Ehekrise mit Promi-Muse Alma Schindler (apartes, forderndes Gesicht: Barbara Romaner) Revue passieren zu lassen.

Der Psychoanalytiker unterbricht 1910, ein Jahr vor Mahlers Tod, die Sommerfrische, um den leidenden Musikus im holländischen Leiden zu treffen, wo Freud während eines Spaziergangs, beim Mittagessen und in einer langen Nacht im Hotel das Unterbewusste seines Klienten öffnet, dessen Verzweiflung sich Bahn bricht.

Denn das Genie ist ein gehörntes. Seine 22-jährige lebenslustige, lustbestimmte Gattin, die Affären mit Gustav Klimt („Wenn ich so malen würde, wie der komponiert, hätte ich nie ein Bild verkauft“) und anderen Bohémiens hatte, hat ihn während der Kur mit dem Architekten und späteren Bauhaus-Gründer Walter Gropius (Friedrich Mücke, „Friendship!“) betrogen. Der hat seinen Liebesbrief statt an die Geliebte an Gustav adressiert - eine treffendere Freudsche Fehlleistung gibt es wohl kaum.

Den größten Teil nehmen die Rückblenden auf Mahlers Beziehung zur 19 Jahre jüngeren Alma ein. Kennenlernen, Werbung, Ehejahre, der Tod eines der Kinder wechseln in schneller Szenenfolge ab. Dazwischen gibt es quasi dokumentarische Statements von Familienangehörigen (Eva Mattes, Lena Stolze) und Zeugen. Mahlers Schmerz wird in experimentellen Bildern mit Mehrfachbelichtungen, Unschärfen, Staccato-Montage und dissonanten Tönen seziert, in einer zentralen, der besten Sequenz kraxelt das Paar ins Hochgebirge und analysiert sich selbst.

Die Hommage an Visconti darf nicht fehlen: Zum - na was wohl - Adagietto aus der Fünften umkreist die Kamera Almas Gesicht, das die Musik ihres Mannes aufsaugt. Dabei verlief ihre Ehe eher umgekehrt. Sehenswert.

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