1. www.wn.de
  2. >
  3. Archiv
  4. >
  5. Medwedew erfüllte westliche Hoffnungen nicht

  6. >

Medwedew erfüllte westliche Hoffnungen nicht

wn

Moskau – So ernst hatte man Kremlchef Dmitri Medwedew seit seinem Amtsantritt Anfang Mai noch nicht gesehen. Mit Grabesstimme verkündete der Präsident, dass Russland die Unabhängigkeit der von Georgien abtrünnigen Gebiete Abchasien und Südossetien anerkenne.

Die umstrittene Entscheidung stehe völlig im Einklang mit internationalen Abkommen, behauptete der Jurist Medwedew. Hingegen wirft das Ausland dem 42-Jährigen einen Bruch des Völkerrechts vor. Innenpolitisch steht Medwedew nach dem Georgien-Krieg laut Umfragen so hoch wie nie in der Gunst seiner Landsleute.

Vor seiner Vereidigung hatte sich Medwedew als Vize-Regierungschef einen Ruf als liberaler Politiker und Fachmann in Sozial- und Wirtschaftsfragen erworben. In seiner ersten Rede als Staatsoberhaupt unterstrich der Sohn einer Sprachwissenschaftlerin und eines Maschinenbauprofessors noch, es gehe ihm um wirtschaftliche Freiheiten und die Selbstverwirklichung unabhängiger Bürger. Trotz warnender Stimmen russischer Kremlgegner wuchs im Westen die Hoffnung, das jüngste Staatsoberhaupt des Landes seit Zarenzeiten könnte eine grundlegende Entspannungspolitik einleiten. Nun gibt die Südkaukasus-Krise jenen Skeptikern recht, die sagten, von einer Zäsur könne keine Rede sein.

Der Stabwechsel vom früheren Präsidenten Wladimir Putin, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr kandidieren durfte, zu Medwedew war von der Staatsmacht in Moskau minuziös geplant worden. Viele fragten sich in den Kriegstagen mit Georgien, ob Medwedew Herr der Lage sei oder doch von Putin gelenkt werde. Klar wurde, dass es für eine Trennung vom Erbe des Ex-KGB-Offiziers Putin zu früh ist. Der 55-jährige Putin ist der mächtigste Regierungschef, den Russland je hatte. Auch deshalb mehren sich in Russland Zweifel, ob der am 14. September 1965 in St. Petersburg geborene Dmitri Anatoljewitsch Medwedew gegen den „nationalen Führer“ Putin bestehen kann.

Der neue Präsident sei kein kleinerer russischer Nationalist und Patriot als er selbst, hatte bereits der jetzige Regierungschef Putin gesagt. Und Medwedew, dessen Nachname vom russischen Wort „Bär“ stammt, hatte kurz nach Amtsantritt für Russland „eine führende Rolle in der Welt“ beansprucht. Unmittelbar nach Anerkennung der abtrünnigen Regionen absolvierte der Mann mit dem jungenhaften Gesicht einen wahren Interview-Marathon mit großen ausländischen Fernsehsendern, um seine Gründe für den umstrittenen Schritt darzulegen. Völlig gleichgültig scheint dem Kremlchef, der jahrelang den Aufsichtsrat des Gasmonopolisten Gazprom leitete, die internationale Meinung nicht zu sein.

Startseite