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Filmrezensionen

„Mein Bruder ist ein Einzelkind“

Hans Gerhold

Auf der Klosterschule streitet er mit dem Pater über Keuschheit und fliegt. Als eigenwilliger Knabe eingeführt, streitet sich Ich-Erzähler Accio in „Mein Bruder ist ein Einzelkind“ mit jedermann, gilt als „Accio, das Ekel“, reißt ans Meer aus, hat für die Mutter „den Teufel im Leib“. Um sich vom linken Bruder Manrico abzusetzen, schließt sich Accio den Neofaschisten von Latina an, die von der „rationalistischen Architektur“ des Duce schwärmen, der ihr Städtchen gründete.

„Mein Bruder...“ war in Italien ein Überraschungserfolg, gewann fünf David di Donatello-Preise und gehört wie Fellinis „Amarcord“ zu den Filmen, deren erinnerungsselige Erzählweise mitreißt. Als lebhafte, warmherzige und ironische Filmkunst, die in die 60er und 70er Jahre zurückführt und die Hassliebe zweier Brüder vor dem Hintergrund der Politik jener Jahre ansiedelt.

Nach einem Zeitsprung leben Accio (Elio Germano) und Manrico (Riccardo Scamarcio) Ende der 60er immer noch bei den Eltern, Accio büffelt fürs Studium, Manrico wird als Arbeiterführer und Kommunist mit Fiat 500 von den Mädchen umschwärmt. Als Manrico die bildhübsche Francesca (Diane Fleri) mit nach Hause bringt, verliebt sich auch Accio in sie.

Langsam begreift er, dass er als Faschist ideologisch in die falsche Richtung driftet. Politik dient dem Film, der nach einem Roman mit dem mit dem Titel „Der Faschokommunist“ gedreht wurde, als Mittel für die Brüder, ihren eigenen Weg zu finden, in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs Standorte zu bestimmen. Klar, dass der Mai 1968 ein Höhepunkt ist: Da singen die Genossen zu Beethovens Neunter einen Text, in dem es von Mao wimmelt. Famos.

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