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Politik Inland

Meister und Aufsteiger: Wolfgang Schäuble und Rainer Brüderle

unserem Mitarbeiter Volker Resing

Berlin - Als Wolfgang Schäuble (CDU) 1972 in den Bundestag einzog, da waren manche seiner jetzigen Kabinettskollegen noch gar nicht geboren. Der Bundesfinanzminister ist schon länger in der Politik aktiv als bei den meisten Menschen das historische Kurzzeitgedächtnis reicht.

1984 wird er Chef des Bundeskanzleramtes unter Helmut Kohl. Seitdem regiert er - abgesehen von einer kurzen rot-grünen Unterbrechung - dieses Land an entscheidender Stelle mit. Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt nennt ihn einen „prima Kerl“. Schäuble ist in der politischen Landschaft eine Klasse für sich. Angela Merkels Kanzlerschaft ist ohne ihn kaum denkbar. Trotz Enttäuschungen blieb er ihr gegenüber loyal. Mit dem Finanzressort hat er die schwierigste Aufgabe der christlich-liberalen Regierung übernommen.

Heikel ist seine Mission vor allem auch deswegen, weil er gegen den eigenen Koalitionspartner schießen muss. Es war vor allem auch seine Aufgabe, dieser Regierung beizubringen, was während der Koalitionsverhandlungen versäumt wurde: Dass es Steuersenkungen nicht geben wird.

Die ganze FDP-Programmatik, die in den zurückliegenden Jahren auf das Credo „Mehr Netto vom Brutto“ zusammengeschmolzen war, löste sich angesichts der Haushaltslage in Luft auf. Elf Jahre haben die Liberalen aufs Regieren gewartet, dann fällt ihr erneuter Einzug an den Kabinettstisch ausgerechnet mit dem Ende der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit zusammen. Das passte nicht recht ins Konzept. Schäuble muss jetzt das Sparpaket durchboxen, er muss Regelungen für die Finanzmärkte durchsetzten, seine Aufgabe ist es, die deutschen Staatshilfen wieder einzusammeln.

Doch einer hat es geschafft, auf diese Grausamkeiten außerordentlich geschmeidig zu reagieren: Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP). Ausgerechnet „Mister-Mittelstand“ bleibt gelassen, als die FDP ihre Pläne in der Gesundheits-, Finanz- und Steuerpolitik ordentlich schrumpfen muss. Es ist das besondere Talent des gebürtigen Berliners, der in Rheinland-Pfalz aufwuchs und Karriere machte, mit einer scheinbaren beharrlichen Harmlosigkeit durch die Lande zu segeln. Von 1991 bis 1998 gehörte er einer SPD-FDP-Regierung in Mainz an, was seine Flexibilität unterstreicht. In diesem Sommer läuft er zur Höchstform auf. Es sprudelt Interviews, Statements und Forderungen ins politisch leer gefegte Berlin mit ungewisser Relevanz. Ende der Rentengarantie und Verkündigung der Vollbeschäftigung, Anwerbeprämie für Ausländer und Ende der „staatlichen“ Commerzbank. Alles verläuft mehr oder weniger im Sand der Ferienzeit. Aber gepunktet hat der Minister dennoch. Sein größter Erfolg war, dass er sich im Frühjahr gegen die Kanzlerin positioniert hat als es erneut um die Opel-Rettung ging. Da hat er den strengen Ordnungspolitiker gegeben, wiedermal ohne großen Aufwand für ihn, denn Opel hat selbst auf Unterstützung verzichtet.

Während Schäuble arbeitet, versuchen andere in der Öffentlichkeit gut auszusehen. Der Finanzminister kennt das Spiel. So war es auch bei der Deutschen Einheit, die sich jetzt zum 20. Mal jährt. Auch dieser Kraftakt ist ein gutes Stück Schäubles Werk. Er war mal fast Kanzler und fast Bundespräsident. Vor allem aber ist er immer noch da, das ist sein stiller Triumph.

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