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Missbrauch: Bis zu 300 Briefe täglich

unserem Mitarbeiter Volker Resing

Berlin - In den Fällen von sexuellem Missbrauch an deutschen Jesuiten-Schulen wird langsam die vollständige Dimension ersichtlich. Beim Berliner Canisius-Kolleg und bei der vom Jesuitenorden mit der Untersuchung der Vorwürfe beauftragten Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue haben sich inzwischen über 100 Opfer gemeldet, die in Berlin oder an anderen Orten unter einzelnen Ordensgeistlichen gelitten haben.

Im Laufe dieser Woche will die Juristin dem Orden einen Zwischenbericht ihrer Untersuchungen vorlegen. Erst danach würden die Jesuiten über das weitere Vorgehen entscheiden, sagt der Sprecher der Gemeinschaft, Thomas Busch. Im Raum stehen Forderungen von Opfern nach umfangreicher Aufklärung und nach finanzieller Entschädigung.

Pater Klaus Mertes, Leiter des Canisius-Kollegs, hatte vor drei Wochen die Öffentlichkeit darüber informiert, dass es in den 70er und 80er Jahren an der Privatschule Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben habe. Dies sei ihm aus Berichten von Opfern bekannt geworden, die ihm zugegangen seien. Verdächtigt werden die früheren Jesuiten Peter R. und Wolfgang S. Laut Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft soll es sich um sogenannte leichtere Fälle gehandelt haben, die inzwischen verjährt sind.

Die Debatte hat eine Flut von Rückmeldungen ergeben. 200 bis 300 Briefe erhalte er täglich, sagt Pater Mertes im Gespräch, allerdings seien unter den Zuschriften nicht nur Opferberichte, sondern auch Beschimpfungen und Beleidigungen. Die Täter seien systematisch vorgegangen, deswegen überrasche es ihn nicht, sondern er sei dankbar dafür, dass sich nun eine hohe Zahl von Betroffenen melde, sagte Mertes. Peter R. soll bei Schulungen von Gruppenleitern bestimmte sexuelle Handlungen zu eine Art Aufnahmeritus gemacht haben. Viele Opfer berichten, dass sie dies traumatisiert habe. Bei Peter R. rechnet Mertes mit Opferzahlen, die über 100 liegen. Bei Wolfgang S. könne die Zahl möglicherweise darunter liegen. Wolfgang S. bestreitet den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs, gesteht aber, Schüler geschlagen zu haben.

Unterdessen wurde auch ein Fall aus der evangelischen Kirche bekannt. In Schleswig-Holstein wurde ein Kantor von seinem Dienst suspendiert, weil er sich an einem 14-jährigen Mädchen vergangen haben soll.

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